Selten hat in neueren Jahrhunderten ein philosophischer Erstling so durchgeschlagen und einen so unverrückbaren Platz unter den „großen“ Büchern errungen wie Heideggers „Sein und Zeit“, das Buch eines Dreißigers. Man mag an Fichte denken, in dem auf ähnliche Weise ein Naturtalent des Denkens zum Durchbruch kam. Unter den Eingeweihten war das Auftreten des jungen Freiburger Dozenten Heidegger in den Jahren nach dem Ersten Weltkriege freilich nicht unbemerkt geblieben. Schon 1920 hörte ich über einen Studenten, der unverständliches Zeug eloquent von sich gab, die Charakteristik: „Ach“, der ist „verheideggert“. Ernsthafter fiel ins Gewicht, daß der junge Freiburger Dozent und später der junge Marburger Professor durch seine Vorlesungen eine fast magische Wirkung auslöste, so daß wir alle bald mehr oder minder verheideggert waren. Heidegger nahm in Marburg einen wahrhaft triumphalen Aufstieg. So war „Sein und Zeit“, als es 1927 erschien, für seine damaligen Schüler keine Überraschung. Da war alles drin; was Heidegger seit Jahren vom Katheder lehrte, Ungewohnte, unakademische Dinge in ungewohnter, unakademischer Sprache. Da war die Rede von Vorhandenheit und Zuhandenheit, von Zeug und Welt, vom „Gerede“ und vom „Man“, von der Eigentlichkeit des Daseins, von der Sorge und dem Gewissen, vom Vorlaufen zum Tode, von der Geschichtlichkeit und – von Anfang bis zum halben, vorläufigen, nie vollendeten Ende (ein zweiter Band von „Sein und Zeit“ ist nie erschienen) – vom „Sein“.

Ein neuer Metaphysiker also? Oder eher ein Antimetaphysiker? Ein Transzendentalphilosoph phänomenologischer Prägung oder ein Radikaler, ein Revolutionär in der Linie Schopenhauers und Nietzsches? Ein christlicher Theologe oder ein Nihilist? Man las „Sein und Zeit“ als das Grundbuch der Existenzphilosophie wie einen Kierkegaard von heute, der ja auch wirklich durch die Diederichs-Ausgabe damals „von heute“ wurde. Worauf lief das Ganze hinaus? Heidegger selber ist bei diesem seinem Erstling nicht stehen geblieben und hat die angekündigte Fortsetzung nie vorgelegt. Sein späteres Denken hat er geradezu als die „Kehre“ charakterisiert, und viele sind ihm dorthin nicht gefolgt. Es war für sie unausweichbare Gnosis oder Pseudopoesie. Aber Heidegger meinte damit keine Abkehr von der grundlegenden Bedeutung von „Sein und Zeit“ für die Stellung derFrage, was das ist, das Sein. Vielmehr hat er sein späteres Denken stets auf „Sein und Zeit“ zurückbezogen, wenn auch sehr oft in erstaunlich unbefangener Umdeutung, wie das inzwischen edierte „Hüttenexemplar“ von „Sein und Zeit“ ausweist, in dem der Alte von Todtnauberg oben im Schwarzwald beim neuen Durchdenken seines eigenen Buches seine Randbemerkungen einzutragen liebte. Wohl aber hat er die existenzphilosophische Komponente, auf der ein großer Teil der Wirkung von „Sein und Zeit“ beruhte, fast desavouiert und die erste Aufnahme von „Sein und Zeit“ sehr bald als ein moralistisches Mißverständnis zurückgewiesen. Ohne Zweifel war es gerade diese moralistische Komponente an „Sein und Zeit“, die man überall gewahrte. Da sahen die protestantischen Theologen in dieser der Eigentlichkeit des Daseins eine ihrer eigenen Fragen. Da sprach Franz, zweig geradezu von dem „Neuen Denken“. versuchte Herbert Marcuse den zum Marxismus.

Nur unter den Arrivierten gab es einige, den mächtigen Berliner Professor Eduard ger, die in dem ganzen Buche nichts entdecken vermochten, mit Ausnahme seiner artigen Sprache. Wieder andere bekämpften die extremste Position des Historismus oder umgekehrt darin die erstmalige Überwindung Historismus. Es ist bezeichnend, daß „Sein Zeit“ so umstritten war. In die gesättigte sche Atmosphäre, die zumeist von Kant und deutschen Idealismus beherrscht war, brach diesem Buch etwas von ganz anderer, Natur ein. Es war alles andere ab eine neue che für alte Dinge. Es war weit eher eine Neu Schließung des spekulativen Geistes der Sprache selber, wie sie am ehesten Von der schen Mystik erreicht worden war und in sem Sinne in der Wiederaufnahme mystischer danken durch den nachkantischen deutschen lismus wirksam war. Dem, was so zur kam, konnte sich kein Denkender entziehen, man brauchte dafür weniger ein gelehrtes als Teilhabe an der Erfahrung des Denkens, Nachdenken über das Sein und das Nichts. Spiel mit den akademischen Endgestalten der griffstradition der Philosophie, das Spiel mit Prinzipien transzendentaler Letztbegründung Systembildung oder mit den ewigen die sich in allen philosophischen erkennen lassen, das Spiel mit den Kategorien Modalitäten, den Seinsschichten und den giouen hatte ausgespielt. Die Universitätsphie wurde auf einmal wieder das allgemeine öffentliche Bewußtsein, wie Nietzsche nichts, und es ist wie eine Anerkennung, wenn noch Jahrzehnte später erfolgreicher Erzähler wieGünter Grass in „Hundejahren“ einen von Heidegger machten schildert, der in das Sein Seienden verwirrt ist.

Inzwischen ist „Sein und Zeit“ in fast alle ßen Kultursprachen übersetzt, auch wenn Deutsch so unübersetzbar ist wie das von Eckhart oder von Hegel. Wer es merkt, unübersetzbar ist Und doch etwas zu verstellen ginnt, lernt Deutsch, ob in Japan oder in land, in Indien oder in Amerika.

Darüber hat der Parteien Haß und Gunst Macht. Vor zehn Jahren konnte man mit Grund (wenn auch nicht mit wahrem meinen, Heidegger sei so gut wie ein toter Aber „Sein und Zeit“ zählt zu den großen chern, die man lieber nicht totsagen sollte, zählt, scheint es, zu den Büchern, die immer der Auferstehungen erleben. Vielleicht anderswo Vielleicht wird es eines Tages ins zurückübersetzt.

Hans-Georg

Professor für Philosophie an der Universität delberg, Autor unter anderem von ,,Idee und Sprache, Platon, Husserl, Heidegger“.