Im Garten der Villa Serbelloni in Bellagio am Comer See. „Karl, wir haben die Konzepte des selbstbewußten Geistes entwickelt und geklärt. Nie zuvor war es mir so klar – und nicht nur so klar, sondern wir können nun seine vielfältigen Eigenschaften erkennen.“ Als Sir John Eccles das zu Sir Karl Popper sagte, war die Sonne über dem Comer See schon sehr rot geworden.

Es war der Abend des 29. September 1974. Einen Monat lang hatten sich die beiden alten Herren bemüht, einem der zentralen Probleme menschlichen Seins auf den Grund zu gehen: dem Zusammenspiel zwischen Leib und Seele, zwischen Materie und Geist. Was Eccles, der Neurophysiologe und Nobelpreisträger, und Popper, der wohl größte lebende Philosoph, in ihrem Buch

Karl Popper/John Eccles: „Das Ich und sein Gehirn“. Piper-Verlag, München, 1982, 700 Seiten, 68,– DM,

erarbeitet haben, kann als wohl einmaliges Zeugnis kreativer Spannung gelten.

Beide Autoren sind Dualisten und Anhänger einer Theorie der Wechselwirkung – aber sie sind keineswegs immer einer Meinung. Eccles, stark geprägt vom katholischen Glauben, geht von der Existenz Gottes und eines Übernatürlichen aus, während man Popper als Agnostiker bezeichnen könnte. Der Naturwissenschaftler (ausgerechnet, möchte man hinzufügen) verteidigt die Vorstellung vom Weiterleben der menschlichen Seele.

Der Philosoph dagegen mag sich darauf nicht einlassen. Er betont vielmehr die „Tatsache, daß der Tod unserem Leben einen Wert, und zwar in gewissem Sinne einen beinahe unendlichen Wert verleiht und die Aufgabe dringlicher und attraktiver macht, unser Leben dazu zu nutzen, etwas für andere zu leisten und Mitarbeiter in dieser Welt 3 zu sein, die offensichtlich ungefähr das verkörpert, was man den Sinn des Lebens nennt“.

Die Bezeichnung Welt 3 entspringt einer Einteilung, die Popper vornimmt – jenem Drang zur Klarheit folgend, der seine Philosophie schon immer so wertvoll gemacht hat. Die Welt, die wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen, nennt er Welt 1: Das ist die Welt der Materie, des Gegenständlichen, der physikalischen Auflösbarkeit und damit zum Beispiel auch des menschlichen Körpers. Welt 2 ist das Universum, das im Kopf existiert: Bewußtsein, Vorstellungen, Psyche, Geist. Das Konzept selbst, das Popper und Eccles entwickelt haben und mit ihm alle großen Theorien, auch alle anderen Produkte menschlicher Kreativität, gehören in die Welt 3.