Vorderer OrientNachmittags wird Qat gekaut

Eine Reise durch die Arabische Republik Jemen von Burkhard Stickler

Von Burkhard Stickler

Allemani tamam“ – „deutsch gut“ ruft uns der alte Jemenite zu und verkündet den umstehenden Stammesbrüdern stolz, daß er ein deutsches Gewehr (Baujahr 1938) sein eigen nennt. Es spricht sich in der kleinen Ansiedlung schnell herum, daß wir die Schrift auf den Waffen lesen können, und so sind wir bald von gut zwei Dutzend Männern umlagert, die alle wissen wollen, aus welchem Land ihre Gewehre stammen. Deutsche Wehrmachtsgewehre stehen offenbar hoch im Kurs. Besitzer moderner russischer Kalaschnikows bedanken sich bei uns hingegen mit einem eher enttäuschten Lächeln.

Wir befinden uns auf dem Rückweg von Schihara an die Asphaltstraße, die die Hauptstadt Sanaa mit dem Norden der Arabischen Republik Jemen verbindet. Da es in diesem abgelegenen Winkel des jemenitischen Berglandes weder Taxis noch Busse gibt, sind wir froh, daß uns ein etwa 13jähriger Junge auf der Ladefläche seines Kleinlastwagens mitnimmt. Wir teilen uns den Platz mit zwei weiteren Jemeniten, einem Kalb, fünf Ziegen und neun Schafen. Unterwegs wird eines der Schafe geschlachtet, und während der Junge das Fleisch portionsweise verkauft, gelangen wir in den Ruf, „Waffenspezialisten“ zu sein.

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Das auf einem 2620 Meter hohen Felsplateau gelegene Dorf Schihara war bis vor wenigen Jahren nur zu Fuß über eine leicht zu verteidigende Steinbrücke, die eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht überspannt, zu erreichen. So diente das Dorf denn auch den Imamen (weltliche und geistliche Herrscher) bei Kriegen als letzter Zufluchtsort, der nie erobert worden ist. Durch mehrere Zisternen, die auch heute noch als einzige Wasserreservoirs zur Verfügung stehen, sowie durch die an den Hängen angelegten Terrassenfelder und eine ausgeprägte Viehwirtschaft konnte sich die Bevölkerung von Schihara bei Belagerungen über Jahre hinweg autark ernähren.

Auf den umliegenden Feldern wird hauptsächlich Qat angebaut, ein Narkotikum, das auf den Märkten so gute Preise erzielt, daß der Anbau von Gemüse, Obst und Kaffee kaum noch lohnt. So muß das Land neben Industrieprodukten auch noch Nahrungsmittel wie Bananen, Tomaten, Bohnen und sogar Feigen importieren. Da der Jemen über keinerlei Bodenschätze verfügt und lediglich Baumwolle, Kaffee, Felle und Salz in geringem Umfang exportiert, führt dies zu einer stark negativen Handelsbilanz. Die Zahlungsbilanz wird allerdings durch Überweisungen der rund 1,5 Millionen in den Ölstaaten arbeitenden Jemeniten und durch Transfers aus Saudi-Arabien ausgeglichen.

In Sada, der nördlichsten Stadt der Arabischen Republik Jemen, kann sich der ausländische Betrachter ein Bild davon machen, wie das Leben im ganzen Land noch vor zwei Jahrzehnten ausgesehen haben mag. Sowohl die Häuser als auch die nahezu vollständig erhaltene Stadtmauer sind aus Stampflehm erbaut. Im Erdgeschoß der typischen jemenitischen Wohnburgen befinden sich die Stallungen und Lagerräume, darüber in mehreren Stockwerken die Wohn- und Schlafräume sowie die Küche. Jedes Haus hat eine Dachterrasse, auf der nur selten die Fernsehantenne fehlt. Die Rundbögen der kleinen Fenster sind mit Ornamenten aus Alabaster und buntem Glas verziert; die ursprünglich aus massivem Holz gebauten Türen werden immer mehr durch farbige Blechtüren ersetzt.

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