Auf der Suche nach einer verborgenen Frau
Min hat vor einiger Zeit in den öffentlichen Jlättern gelesen, daß ein Paar Liebende ich gegenseitig aus Verzweiflung in einem Augenblick getötet hatten So beginnt Heinrich von Kleist die kurze Erzählung eines nämlichen Falles, der sich 1770 in Lyon ereignet haben soll. Einem Mann, der von seiner unheilbaren Krankheit erfährt, ist die Vorstellung, seine Geliebte könnte ohne ihn weiterleben, unerträglich. Und auch die Auserwählte des Eifersüchtigen will ohne den Versprochenen nicht existieren. Bevor aber die Tat, die dem Schicksal vorauseilen soll, getan wird, stellt der Mann die Frau auf eine schreckliche Probe: Er leert einen Becher zur Hälfte aus, behauptet Gift getrunken zu haben und verlangt so den Liebesbeweis.
Erst nachdem sie den Trank zu sich genommen hat, glaubt er an ihre zum Letzten entschlossene Liebe. Schließlich treffen sich die beiden Liebenden heimlich in einer ländlichen Kapelle, um gemeinsam in den Tod zu gehen, „und schlangen, mit dem linken Arme ein Band um sich. Jedes hielt eine Pistole auf das Herz des ändern, und mit einer Bewegung gingen beide Pistolen los und durchbohrten die Brust von beiden mit einem Male . Der Liebhaber war 30, und seine Geliebte 20 Jahre alt "
„Mord aus Liebe" überschreibt Kleist diese Geschichte. Er nennt den Mörder beim Namen, die Mörderin bleibt namenlos.
41 Jahre später: der Tod am Wannsee. Heinrich von Kleist und Henriette Vogel sterben gemeinsam, er erschießt erst sie, dann sich. Im Stahnsdprf Machenower Kirchenbuch ist die Rede von einem Mord und einem Selbstmord. Heinrich von Kleist war da 34 Jahre alt. Henriette Vogel, geborene Keber war 31 oder 34 oder 35 Jahre alt. Von der selbstmörderisch Gemordeten am Kleinen Wannsee weiß man nicht sehr viel, in das Gedächtnis der Literaturgeschichte ging sie nur durch den Geliebten, im Tode ein. In einer Kleist Ausgabe, die um die Jahrhundertwende erschien, erklärt der Herausgeber, sie sei „eine geistvolle, anmutige Frau gewesen, die infolge eines unheilbaren Krebsleidens gleichfalls den Tod als Erlöser begrüßte".
Eine unheilbare Krankheit, die in Kleists Geschichte die Frau mit in den Tod zieht; eine unheilbare Krankheit, durch die Kleists Interpret der Frau das Recht zum Mitsterben gibt. Eine verheiratete Frau Über ihren Mann, einen preußischen Finanzbeamten, finden sich Angaben im Staatsarchiv. Er nahm am öffentlichen Leben teil. Die Gattin, die Geliebte kennt man nur aus den weniZeilen, die sie kurz vor ihrem Tod geschriehat; man kann sie nachlesen in den Briefbänden des Dichters.
Einem Brief von Kleist an die Freundin Sophie Müller fügt sie den Nachtrag hinzu: „Doch wie dies alles zugegangen, Erzänl ich euch zur andren Zeit, Dazu bin ich zu eilig heut "
Am nächsten Tag tritt sie ihre große Entdekkungsreise" an.
fr Nicht wie es zugegangen ist im Leben dieser Frau, von der Kleist schreibt, sie habe eine Seele wie ein junger Adler, sondern wie es zugegangen sein könnte, kann man jetzt, 171 Jahre nach ihrem Tod, nachlesen, in dem Buch von Die Berliner Autorin, die sich in ihrem ersten Roman („Memoiren eines Kindes", 1981) auf die Suche nach der eigenen Geschichte gemacht hatte, sagt: „Ich habe Henriette Vogel erfunden, obwohl sie gelebt hat "
&In dem Roman „Katzengold" von Birgitta Arens steht der schöne Satz: „Wahr muß es nicht sein, nur stimmen "
fr Karin Reschke beschreibt die Gehversuche einer Beamtenehefrau, sich zu befreien, den aufgeklärten Geist, der Anfang des 18. Jahrhunderts in den Intellektuellen- und Dichterkreisen herrschte, für ihr Leben nutzbar zu machen. Sie beschreibt ihr Scheitern. Und ihren Anfang. Läßt sie selber erzählen.
Wir lesen das Tagebuch der Henriette Vogel. Ein Findebuch: In der preußischen Administration wurde der „Leitfaden für gesammeltes Archivmaterial" so genannt, ein Quellenverzeichnis. Das Findebuch der Henriette Vogel: Ein möglicher Lebenslauf wird aufgezeichnet.
fr Vor der ersten Eintragung des jungen Mädchens am 3. April 1798 stehen schon die letzten. Sie hatte dem Freund Kleist versprochen, ihm ihr Herz und ihre Seele rückhaltlos zu öffnen; er sollte ihr Findebuch lesen dürfen. Auf der letzten Reise, die dann doch nur die vorletzte werden wird, denkt sie darüber nach, warum sie ihr Versprechen nicht leichten Herzens gehalten hatte, ihm das Findebuch auch im Angesicht des gemeinsamen Todes vorenthalten wollte „Fürchtete ich sein Urteil, seine Nachsicht, seine gelehrte Meinung, seine Gerührtheit, die vom Hochmut nicht allzuweit entfernt?" Dem Tod werden noch acht Tage Aufschub gewährt. Auf der letzten Reise reicht sie, die es gerne zur Schriftstellerin gebracht hätte, dem erfolglosen Dichter ihr Lebensbuch.
fr Eine 18iährige Ende des 18. Jahrhunderts: „Kein Kind, keine Frau, ein Ding dazwischen, ein Wesen, das noch manches lernen muß und lernt, mit sich und ändern umzugehen Ein neugieriges, aufgewecktes junges Mädchen, das mit klugem Verstand das Leben begreift. Sie wächst beim Vater auf, weil die Mutter der Ehe entflohen ist. Die Gutsbesitzerin mit der Liebe zum Land und zu den Pferden hatte sich dem normalen Ehefrauenund Mutterdasein entzogen, dem Mann das Kind gelassen und fortan ein freies Leben führen können. So ist die Junge schon gezeichnet durch den Aufruhr der Alten.
Einmal bekommt die junge Henriette den gar nicht mädchenhaften Merkspruch für ihr Findebuch: „Halte dich an deinen Verstand. Er ist dein moralisches Konzept und keine blinde Fledermaus, wie du einmal behauptet hast Im väterlichen Haus hat sie Zugang zu allen Büchern und zu den Gesellschaften; der Geist ist ihr nichts fremdes, männliches, sie nimmt an ihm teil, wächst in ihn hinein. Im Hause Keber wird über das öffentliche Leben und die Politik debattiert und darüber, was das Übel ist am Rennstein, der seit neuestem Rinnstein heißt.
Henriette Keber will das Leben aufsaugen, sie lauscht den Erzählungen des Dienstmädchens über sexuelle Abenteuer genauso aufmerksam wie einer Aufführung von Schillers „Piccolomini" „Anfangs wird in gotischen Zimmern, dann in einer griechischen Halle gespielt. Die Bühne stellt den Abschnitt eines zirkeiförmigen Saales vor, der oben rippenförmig gewölbt ist. Dies Gewölbe wird von gotischen Säulen getragen, dazwischen sind im griechischen Stile gezeichnete Statuen zu sehen, die auf gotischen Konsolen stehen und für Verwirrung sorgen. Vom Mittelpunkt des Zirkels führt ein gerader Gang zum Buhnenrand, auf dem etwas passieren muß, denn er täuscht unendliche Ferne vor, die ganz Berlin zu umfassen scheint " Als die Kunstbegeisterte und Ppesieempfängliche im Weihnachtsmonat 1789 Schillers Stück sieht und dabei altklug empfindet „soviel Schicksal an einem Abend ist nicht leicht zu verkraften", da befindet sich an ihrer Seite schon der spätere Ehegatte Friedrich Vogel.
An diese Zeit sich erinnernd wird sie Jahre danach in ihr Findebuch die Zeilen der Karschin, der berühmten Dichterin ihrer Zeit, schreiben: „Ohne Regung, die ich oft beschreibe Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe Ward zur Mutter: Wie im wilden Krieg Unverliebt ein Mädchen werden müßte Die ein Krieger halb gezwungen küßte Der die Mauern einer Stadt erstieg "
Der reizende, phantasievolle und liebenswürdige Verlobte entpuppt sich in der Ehe als ignoranter Pedant, dessen geistige Interessen einzig auf den Beruf und einen sparsamen Haushalt ausgerichtet sind. Henriette Vogel wird eine unglückliche Frau. Ihre intellektuellen Ausbrüche, ihre Versuche, es ihren klugen Geschlechtsgenossinnen - etwa der Rahel Varnhagen - gleichzutun, scheitern an ihrem Ehemann und enden stets in der Kammer, wo sie heimlich schreibt, bis sie Heinrich von Kleist trifft. Vielleicht dreißigjährig.
„Sein unstetes Auge bleibt an mir hängen, irrtümlich, so glaube ich, denn als ich seinen Blicken den meinen entgegenhalte, nicht ausweiche, mich zurückziehe, ihn zu erforschen trachte, lacht er unvermutet auf und schwärmt in den höchsten Tönen von einem Käthchen, das man hier hat abblitzen lassen. Erst später begreife ich, daß Käthchen die Heldin seines Stücks ist, das vor Iffland keine Gnade gefunden. Er lacht albern herum und nennt mich schalkhaft Käthchen, was ich gar nicht verstehe. Aber da sein Lachen ansteckend ist, lasse ich mich davon mitreißen, und alle lachen wie über einen dummen Witz. Genug gelacht, mokiert er sich plötzlich und erhebt sich, obwohl seine Freunde bei einem weiteren Kaffee und Gebäck keine Lust haben, ebenfalls aufzubrechen. Sie nötigen ihn, doch noch ein kleines Weilchen in unserer Gesellschaft auszuharren, und er hockt sich still und stiller wieder hin, sieht flüchtig nach mir. Ein merkwürdiger Mensch, der mich anrührt, so unverständlich er sich auch aufführt " So beginnt eine Geschichte zwischen Lachen und Staunen, Weinen und Lieben. Die Freundin Sophie Haza sagt der Frau, deren Körper sich gegen das ungeliebte Leben durch dauernde Krankheit, durch eine anhaltende Blutung wehrt: „Sie sind viel allein, vergraben sich, und wenn man Sie zu sehen bekommt, tragen Sie eine Leidensmiene zur Schau. Ganz wie unser Freund Kleist Man hält sie „für eine überspannte Natur".
Nur der Mann, der den Phoebus herausgegeben hat, der Novellen, Trauerspiele und Komödien schreibt, der sich, als sie sich kennenlernen, mit den Abendblattern herumquält, der für Henriette Vogel, die Beamtengattin, all das verkörpert, was sie nie sein durfte, versteht sie, begehrt ihr Urteil, ihre Anteilnahme an seiner Traurigkeit. Er ist ein schöner, zurückhaltend ernster Mensch "
So treffen sich zwei Gescheiterte ihrer Lebensumstände und lieben sich bis in den Tod: die eingezwängte, geistvolle Frau, die es gerne zur Dichterin gebracht hätte, und der Dichter, der nicht anerkannt, nicht aufgeführt wird in Preußen, der die Treue in der Liebe nicht leben kann. Sie treffen sich mit großer Ambivalenz und Trauer. Sie will mit ihm sterben. Das ist für ihn der Liebesbeweis. Kein gemeinsames Leben, nur der gemeinsame Tod. Angesichts des Endes werden sie heiter, sie müssen nicht länger ausharren im endlos scheinenden banalen Unglück. Sie fahren nach Wannsee. Ein Liebestod.
Bis auf den Schluß hat Karin Reschke diese Lebensgeschichte erfunden. Sie weiß nicht, ob Henriette Vogels Mutter so gelebt hat, wie sie es in ihrem Buch beschreibt, ob der Vater ein so milder und kluger Mann und die Ehe mit dem Beamten Vogel ein solcher Graus war, wie diese Frau wirklich gelebt und geliebt hat.
„Wahr muß es nicht sein, nur stimmen "
Jeder Satz dieses fiktiven Tagebuchs könnte so geschrieben stehn, aufgezeichnet vor fast 200 Jahren.
Man weiß nichts über Henriette Vogels Leben, es gibt offenbar keine Quellen - kein ArchivmaterialT Karin Reschke hat sich für ihr Findebuch nur k die Zeit ihrer Heldin einlesen können, in die Literatur, die Briefe, die Beschreibungen derjenigen, die mehr geworden sind als Fußnoten in der Literaturgeschichte. Dabei ist es ihr gelungen, sich hineinzufinden in die Gedanken, das Lebensgefühl, die Worte jener Zeit. Und so bietet dieses Findebuch aus dem Jahr 1982 die genaue Beschreibung eines gewöhnlichen Frauenlebens um 1800. Auf der Suche nach einer verborgenen Frau, die geschrieben hatte, über meinen Tod werde ich Dir jenseits mehr Auskunft geben können", entdeckt man ein Leben hinter den bekannten Buchstaben, hinter den Spiegeln.
- Datum 07.01.1983 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.1.1983 Nr. 02
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