Barbies Spur
Söhne, Buße, Strafe – für den bald siebzigjährigen Klaus Barbie werden sie nichts mehr bedeuten. Der ehemalige Gestapo-Chef, der den Beinamen „Schlächter von Lyon“ trug und den die Franzosen nächstes Jahr wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor Gericht stellen werden, hat nun, da er vierzig Jahre nach seinen Untaten endlich den Richtern überantwortet werden konnte, mit seinem Leben in Freiheit abgeschlossen. Nach jahrelanger Wohlstands-Existenz unter bolivianischer Gönnerschaft steht sein Urteil so gut wie fest: Er wird hinter Gittern bleiben.
Aber wird das auch der befreiende Schlußstrich unter ein bitteres Kapitel der jüngsten französischen Geschichte sein – der Kollaboration? Mit dem Jerusalemer Eichmann-Prozeß wird der Fall Barbie in der Pariser Presse bereits verglichen und mit dessen aufklärender, reinigender Wirkung auf die israelische Jugend. Barbie – eine läuternde Lehrstunde für jene Franzosen, die sich an den Verstrickungen ihrer Väter noch immer wund reiben? Was dieser deutsche Scherge damals war, war er auch mit Hilfe seiner einheimischen Quislinge. Sie waren es, die ihm die Resistance-Kämpfer oft erst ans Messer geliefert haben.
Stehen wir also besser da als sonst, sobald es um unsere Vergangenheit geht? Wenn Alfred Grosser seinen Landsleuten ins Gewissen redet, daß „keine verfolgte Gemeinschaft dagegen gefeit ist, selber zum Verfolger zu werden“, ist dies kein Freispruch für die Deutschen. Barbies Verbrechen werfen ihren langen Schatten vor allem über uns.
D. St.





