Jeanne Moreau

Ihr Abenteuer heißt Leben

Die Vergangenheit interessiert sie schon lange nicht mehr / Von Gero von Boehm

selbst zu zitieren, wagte Jeanne Moreau mit berechtigtem Selbstbewußtsein den Schritt hinter die Kamera.

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Mit Bunuel, Orson Welles, Antonioni, Truffaut und Louis Malle hat sie als Schauspielerin gearbeitet, und von allen hat sie für ihre Regie-Arbeit profitiert. Inzwischen weiß sie, daß ihre Filme „ein bißchen kommerzieller" werden müssen, ohne Ansprüche aufzugeben. „Ein schmaler Grat, aber man kann es schaffen." In dem Lederladen kaufte sie schließlich ein etwas unförmiges Sonderangebot. „Hauptsache, es gehen Drehbücher hinein."

Das Fieber Film hält Jeanne Moreau als Schauspielerin in gleichem Maße gefangen. Aber sie ist wählerisch. In Fassbinders „Querelle" hatte sie nach langer Pause ihr Leinwand-Comeback. „Der Stoff war mir nicht unbekannt. Mit dem Autor, Jean Genet, bin ich seit langem befreundet. Er hat in die Rolle'der Madame Lysiane alles hineingelegt, was eine Frau sein kann: klug, zärtlich, verständnisvoll." Da mußte sie nur sich selbst spielen, und so hat Fassbinder es auch gewollt.

Das Bordell-Milieu, in dem Madame Lysiane sich bewegt, ist ihr nicht fremd. „Ich habe beim Drehen manchmal an die beiden schäbigen Zimmer an der Place Blanche* gedacht, wo ich aufgewachsen bin." Das sei ein Stundenhotel gewesen, und da hätten eher einschlägige Magazine herumgelegen als Märchenbücher. Der Vater war unten in der Kneipe Kellner, die Mutter, eine Engländerin, tanzte als Tiller-Girl in den Folies-Bergeres. Mit zwölf Bebte Jeanne Zola - Flucht in die Poesie.

Sie zündete sich eine Zigarette an, hakte mich unter und hielt ihren Kopf dem Regen entgegen. Sie sah jetzt sehr jung aus. „Haben diese Wolkenkratzer nicht eine unglaubliche Grazie und Würde? Sind sie nicht auch Poesie?" Der Regen wurde stärker, wir flohen ins „Four Seasons", das amerikanischen Gaumen als Feinschmeckertempel gilt. Stockwerkhohe Grünpflanzen, Wandtepppiche von Picasso, ansonsten Flughafen-Atmosphäre. Wir lästerten über die Unfähigkeit der meisten Franzosen, Nicht-Französisches zu akzeptieren.

„Ich liebe diese amerikanische Kühle", sagte Jeanne Moreau und nippte an der eiswürfelverwässerten Bloody Mary. 1977 hatte sie es fertiggebracht, innerhalb einer Woche ihre Pariser Habe samt Erinnerungsstücken an eine 25jährige Filmkarriere zu verkaufen und dem Regisseur William Friedkin („Der Exorzist", „Cruising") in den belanglosen Luxus eines klimatisierten Beverly-Hills-Heimes zu folge«. Zwei Jahre lang „war es die Hölle. Er hat mich mehr oder weniger eingesperrt und mir den Lebensnerv abgeschnitten. Stellen Sie sich mal vor: Ich hinter dem Herd?" Wir bestellten Entrecote, und sie suchte einen Bordeaux, Jahrgang 1970, aus.

„Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich weiß, daß ich ich bin", hatte sie kurz zuvor gesagt, als wir über ihr Verhältnis zu den Männern sprachen. „Aber diese Einsicht ist spät gekommen, eigentlich erst nach der Ehe mit Friedkin. In meiner Leidenschaftlichkeit war ich vorher bereit, alles zu opfern. Das ist vorbei." Späte Emanzipation? Kaum. Eher eine Weiterentwicklung jener Mischung aus Weiblichkeit %nd Würde, wie sie die Moreau seit eh und je verkörpert, Würde als innere Reife und Sicherheit. Dignite.

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  • Von Gero von Boehm
  • Datum 18.2.1983 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 18.02.1983 Nr. 08
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