Narren-Marathon Chronist der Tollitäten
Reporter „dixi" schafft zwei Dutzend Gala-Sitzungen pro Nacht / Von Christian Nümbergei
EHölderlin, es gibt welche, die lieben Fußball und Tennis, manche lieben Eisbein und Sauerkraut und es gibt „dixi", der, ganz schlicht, Vereine liebt.
Dixi ist ein Phänomen und heißt Günter Dillenburger. Er ist 54 Jahre alt und arbeitet in Frankfurt bei der Hessischen Landesbank als Mädchen für alles. Doch das ist nichts Besonderes. Das Phänomenale an ihm ist seine wohl einmalige Liebe zu den Vereinen.
Ob Fußballer oder Wanderer, Sänger oder Karnickelzüchter, Kegler oder Fanfarenbläser - dixi hat sie in sein Herz geschlossen. Am meisten aber liebt er die Karnevalmen, und diese ihn, und darum gehört dixi zur Frankfurter Fastnacht wie die Lederhose zum. Bayern.
Die Rolle, die er dabei spielt, ist die des Reporters. Sein Forum ist die Frankfurter Rundschau, in deren Lokalteil er die Fastnacht öffentlich macht, wofür ihm die anderen Redakteure herzlich dankbar sind. Ihnen nämlich ist der Karneval eine lästige Pflicht, spätestens nach ihrem dritten Bericht. Für dixi dagegen ist die Fastnacht eine Aufgabe, bei deren Erfüllung er generalstabsmäßig vorgeht und auch Frau, Tochter, Schwiegersohn und einen Computer einsetzt. Im Computer sind die Adressen und Veranstaltungstermine der mehr als tausend Frankfurter Vereine gespeichert. Am Donnerstagabend druckt er aus, was am Wochenende alles läuft, und am Freitagabend, so gegen sieben, zieht dixi los. Dann stülpt er sich eine seiner sechs Karnevalsmützen auf den Kopf, hängt sich drei oder vier seiner ungezählten Orden um den Hals und läßt sich von seinem Schwiegersohn zur ersten Prunk, Gala- oder Fremdensitzung chauffieren. Seine Frau hat er vorher bei irgendeinem Narrenkongreß, Kappenabend oder Maskenball abgesetzt, damit sie ihm berichte, wie es war. Seine Tochter Dagmar schleppt ihm die Phototasche und assistiert ihm, und Uralt Pudel Susi, der schon zwei Gktzen auf dem Rücken hat, sitzt derweil in der Wohnung und bewacht das Haus. „Haste schon geheerd, daß die Aindrachd fer zwaa Magg zwanschisch verkauft werden soll?" fragt die Putzfrau in der Butt ihre Kollegin „Geh fort, warum denn grad zwaa Magg zwanschisch?" „Ei, des is der Preis fers Flaschepfand Tusch. Beifall. Gelächter.
Sagt der Schaffner in der Straßenbahn: „Endstation, alle Mann aussteigen Alle steigen aus, nur einer bleibt sitzen „Ei wolle sie denn net aussteische?" „Ich nix Alemann, ich Türke, nix muß aussteigen Tusch. Beifall. Gelächter.
Zwischen den Trophäen des Jägers hängt auch ein Frauenkopf an der Wand „Was ist denn das?" „Das is mei Schwieschermudder, die hadd bis zum Schluß geglaabt, sie werd foddograffiert Tusch. Beifall. Gelächter. Narhallamarsch. Auch dixi lacht und schreibt alles mit, wie er vor Wochen schon mitgeschrieben hat, als der Oberbürgermeister Walter Wallmann und Präsident des Enrenrates der Frankfurter Fastnacht den Karnevalisten bei einem Empfang erzählt hit, daß ihm die Fassenacht in Frankfurt „viel, viel mehr gegeben" habe, „als sich Außenstehende vorzustellen vermögen".
Dixi hat für eine Veranstaltung rund 15 Minuten Zeit, dann muß er zur nächsten und übernächsten, bis er so in der Früh um zwei in der Regel zwischen 15 und 20 Sitzungen besucht und rund 100 Kilometer zurückgelegt hat. Am Samstag beginnt das gleiche Spiel von vorn, und am Sonntag schreibt er die Zusammenfassung für die Franksten Wochenende.
- Datum 18.02.1983 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.2.1983 Nr. 08
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