Pavel Kohout Freunde und Feinde

Eine Filmepisode, die mich schon 30 Jahre begleitet: Wajdas Film „Asche und Diamant". Polen 1947, nach dem Weltkrieg, noch im Bürgerkrieg. Ein Sicherheitsbeamter verhört einen ganz jungen Banditen: „Wie alt bist du?" - „Hundert Jahre". Wums! Ein Schlag ins Gesicht, blutende Wunde „Also, wie alt bist du?" - „Hundertundeins "

Die Parallele bezeugt die Wahrheit: Die einzig echte Erfahrung sind die Schläge des Lebens. Im Vergleich mit Wajdas Helden fühle ich mich manchmal 500 Jahre alt. Um so größer mein Gefühl der Ohnmacht, wenn ich sehe, wie schon einmal begangene Fehler uns zu schon einmal erlebten Katastrophen lenken.

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In Westeuropa herrscht ein sehr gefährliches Mißverständnis Ulfe meisten- Künstler und IntelIsfetuelen, "die sich selber für progressiv halten, stufen uns, die meisten Künstler und Intellektuellen Osteuropas, die sich mit den dortigen Regimes auseinandersetzen, als hoffnungslos reaktionär ein. Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, daß hier Freunde zu Feinden abgestempelt werden! Unsere Mission ist jedoch eine andere als euere, die- um die Verwirklichung eurer Träume kämpft. Unser Trauen ist gescheitert, wurde zertrampelt, Überleben, damit wir noch imstande sind herauszufinden, ob man diesen Traum retten kann, ob und wie im sogenannten Realsozialismus die Gesellschaft die Macht kontrollieren kann. Die Marxisten, Sozialisten, Christen und Demokraten aller Schattierungen in der CSSR haben darüber verschiedene Vorstellungen. Eines jedoch ist ihnen allen klar, was auch die bundesdeutsche Politik tangiert:

Nach dem ungarischen Versuch, die sowjetische Hegemonie militärisch abzuschlagen; nach unseren tschechoslowakischen Vorhaben, einen modernen und unabhängigen Sozialismus nicht gegen, sondern mit der Kommunistischen Partei durchzusetzen; nach dem polnischen Versuch, mit geballter Kraft der Arbeiter aus dem Sumpf wieder auf festes und sicheres Land zu gelangen, muß jeder wissen, daß auf den Zusammenbruch der parteibürokratisch polizeimilitärischen Macht Moskaus zu setzen sowohl vor als auch nach 1945 eine unverantwortliche Hetzerei bedeutet.

In keinem Augenblick der Nachkriegsgeschichte war es fraglich, ob in den Ländern der östlichen Hemisphäre etwas anderes existieren dürfe als eine Form des Frühsozialismus russischer Prägung, unter absoluter Wahrung sowjetischer Sicherheitsinteressen. Aus dieser Sicht erscheint um so wichtiger die Bemühung aller, die versuchten Zustände zu schaffen, in denen man leben könnte. Denn es ist ein ziemlich großer Unterschied, ob man im Sozialismus des Prager Frühlings lebt oder in dem der Roten Khmer.

So gesehen ist auch der jahrelange Kampf der Bürgerrechtler und Reformkommunisten, der zwar heutzutage meistens nicht mehr das Leben kostet, aber immerhin oft Gefängnis, Verbannung, Exil, Gesundheit, ein absolutes Arbeitsverbot und immer verlorene Jahre - ist also dieser unmilitärische Kampf für Menschenrechte und kleine Reformen, deren Quantität einmal in eine neue Qualität umschlagen könnte, von grundsätzlicher Bedeutung auch, für euch. Und Signale jener Männer der Erfahrung, Moral und Vernunft - ob sie Sacharov, Kurofi oder Havel heißen - sollten bei euch nicht wie im Weltall verhallen: Es sind keine Klagen, sondern konkrete Warnungen, daß das, was uns besiegte, auch euch bedroht. Denn wenn euch schon eine „transparente Gesellschaft" gefährlich zu sein scheint, dann bringt für euch wie für uns die undurchsichtige Macht eine noch größere Gefahr.

In all den Jahren meiner öffentlichen Auftritte hat niemand von mir einen Aufruf gehört zum Abbruch kultureller und menschlicher Beziehungen zu meiner Heimat. Was mich aber sehr bedrückt ist, daß so viele westliche Besucher in Prag und anderswo in gemütlichen Runden mit den Maßregelnden und Gemaßregelten über den Frieden diskutieren - ohne zu fragen nach denen, die fehlen: den echten Kriegsgefangenen unserer Friedenszeit.

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