Georg Forsters „Reise um die Welt“ verdankt ihre Entstehung zwei Querulanten: dem Vater Johann Reinhold Forster und Sir Joseph Banks, der als Naturforscher Captain Cook bereits auf dessen erster Weltumseglung begleitet hatte. Auch für die zweite Expedition, die sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Südkontinent konzentrieren sollte, war Banks als wissenschaftlichen Leiter vorgesehen. Als er sich mit der Admiralität überwarf, engagierte der Earl of Sandwich, damaliger Marineminister in London, Vater und Sohn Forster: den ersten als einen weithin bekannten Gelehrten, den Sohn, der bereits als Dreizehnjähriger wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt hatte, als Assistenten und Zeichner.

Drei Jahre dauerte die Reise, die bis nach Tahiti und Neuseeland geführt hatte, doch als Cooks Schiff, die „Resolution“, im Jahre 1775 glücklich zurückkehrte, galt der Dank der Offiziellen nur dem Kapitän und seiner Mannschaft. Johann Reinhold Forster, der sich vom Ertrag der Reise nicht zuletzt eine Besserung seiner stets prekären Finanzlage erhofft hatte, sah sich bitter getäuscht. Zwar blieben die wissenschaftlichen Ehrungen nicht aus – der Vater erhielt 1775 den Ehrendoktor von Oxford, Georg wurde zwei Jahre später ab eines der jüngsten Mitglieder zum Fellow der Royal Society gewählt –, doch führte Johann Reinholds Streit mit dem Earl of Sandwich um die Veröffentlichung der offiziellen Reisenotizen schließlich dazu, daß der Vater von deren Publikationen ausgeschlossen blieb. „The tactless philosopher“ wurde der ältere Forster auch genannt – sein Mangel an Diplomatie und die offenkundige Unfairneß der britischen Behörden hatten zum Ergebnis, daß sich schließlich Georg Forster an die Abfassung des Reiseberichtes machte, der auf den Aufzeichnungen des Vaters beruhte. Zwei Quartbände schrieb er – und die auf Englisch – in nur acht Monaten, in einer Zeit, da, seinen eigenen Worten nach, „alles traurig, öde und leer“ um ihn stand.

Im März 1777 erschien „A Voyage round the World“ – Georg Forster hatte sich mit der Publikation nicht zuletzt beeilt, um dem offiziellen Bericht von James Cook zuvorzukommen. Zum „Klassiker“ wurde erst die deutsche Fassung. Die Forsters hatten von Anbeginn Ausgaben des Reiseberichts in englischer, deutscher und französischer Sprache vorgesehen gehabt – keine Übersetzungen sollten es sein, sondern jeweils neue Originale in einer anderen Sprache. So arbeitete Georg Forster zusammen mit Rudolf Erich Raspe an einer deutschen Version der „Voyage“, deren zwei

Bände 1778 und 1780 erschienen. Gegenüber der englischen Ausgabe, vor allem aber im Vergleich mit dem Bericht Cooks, fiel auf, daß die Erörterungen nautischer Spezialprobleme in den Hintergrund getreten war; Georg Forster hatte daran gedacht, daß die meisten seiner deutschen Leser „Landtiere“ waren. 1782 war die erste Auflage vergriffen; eine zweite folgte 1784. Sie machte Forster mit einem Schlag auch einem größeren Publikum bekannt. Voller Begeisterung war Wieland: „Das alles hast du erfahren – das alles hast du ausgehalten, ... ein Abgrund von Vergnügen und herzerhöhendem Selbstgefühl!“

Es gibt viele Gründe, Georg Försters Reisebericht wieder und wieder zu lesen. Der ihn geschrieben hat, war auch ein Schriftsteller, kein versponnener Akademiker, kein gelehrter Holzbock, sondern ein Autor, der mit seinem Leser in Kontakt zu treten wünschte, der ihm vor das innere Auge führen wollte, was er selbst draußen in der Welt gesehen und erfahren hatte. Ein Feind jeden Jargons war Forster, und daher müssen beispielsweise auch Kant-Verehrer bewundern, wie treffend Forster die Kunstsprache des Königsberger Philosophen kritisierte, in welcher dieser sich wie ein „gehetzter Igel“ zusammenrollte. Glücklich zu sein im Glücklichmachen – so lautete eine Maxime Georg Forsters, und wie oft ihm dieser Vorsatz auch mißglückt sein mag, im Umgang mit der Sprache hat er ihn auf eine eindrückliche und unpathetische Weise erfüllt.

Forster ist einer der ersten wirklichen Empiriker im weiten Reich der Anthropologie. Am Primat der gelebten Erfahrung ließ er nicht rütteln – Philosophen, „die den Menschen nur von ihrer Studierstube her kennen“, sprach er entschieden das Recht ab, sich über ihn zu äußern. Eine aufklärerische Parteinahme wurde dadurch nicht verhindert. Nicht um Unkraut zu trocknen und Schmetterlinge zu fangen, waren schließlich die Försters mit Cook auf die Reise gegangen – wahre Entdeckungen in der Geschichte des Menschen und in der Naturkunde wollten sie machen und dann eine philosophische Geschichte ihrer Reise schreiben, „das heißt, eine Reisebeschreibung, dergleichen der gelehrten Welt bisher noch keine war vorgelegt worden“.

Die Einzigartigkeit der Forsterschen Reisebeschreibung liegt nicht zuletzt in der Offenheit und der Ausführlichkeit, mit welcher er auf die eigenen Vorurteile achtete, die auch ihm den Umgang mit dem Fremden erschwerten. Der Realist Forster plädierte für eine, „kalte Philosophie“ und blieb sich doch bewußt, wie wenig in der Völkerkunde und vielleicht auch in der Philosophie ohne. Empathie auszurichten war. Hin- und hergerissen schien ihm eines stets notwendig zu sein: den Leser möglichst genau wissen zu lassen, „wie das Glas gefärbt ist, durch welches ich gesehen habe“.

In einem seiner letzten Briefe schrieb Förster – die Begeisterung über die Revolution war schon abgekühlt – am 16. April 1793 aus Paris an seine Frau, Brand und Überschwemmungen, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser – sie alle seien nichts gegen „das Unheil, das die Vernunft stiften wird. – Wohl zu merken: die Vernunft ohne Gefühl.“ Die „Reise um die Welt“ Georg Forsters, dieses frühen Dialektikers der Aufklärung, ist eines jener seltenen Bücher, in denen Vernunft und Gefühl sich die Waage halten. Vor ihm kann nicht jeder Leser bestehen. Wie unvorsichtig war es nicht von Dr. Johnson zuzugeben, dies sei ein Buch, in dem er viele Blätter auf einmal umschlage! Dr. Johnson, Sie haben viel versäumt.

Wolf Lepenies

Wolf Lepenies ist Professor an der Freien Universität Berlin, Verfasser von Büchern über Soziologie, zur Kultur-, Geistes- und Wissenschaftsgeschichte.