Kunst: Alexej Jawlensky in München: Glut ohne Fieber
Seine Bilder wurden zumeist mit den Bildern anderer gezeigt. Sein Name fiel, wenn auch von anderen die Rede war, als habe man ihm die Selbständigkeit doch nie ganz zugetraut.
Alexej Jawlensky: Er hat keine Schulen begründet, er hat keine theoretischen Entwürfe hinterlassen, er geriet nicht in den Ruf tragischer Unruhe wie Kirchner, bewies weder stille Genialität wie Klee noch ist sein Werk so komplex wie das Kandinskys. In Buchheims ausladender Sammlung findet man Jawlensky in der Rubrik „Blauer Reiter, Große Einzelgänger, Weggenossen“.
Ein merkwürdiger, nie ganz entschiedener Fall. Es gab wenige monographische Jawlensky-Ausstellungen. Die Münchner jetzt hat als die umfassendste zu gelten, die je zusammenkam.
Ist das als Signal zu verstehen? Soll da ein letztlich unbekanntes Werk ganz neu untersucht werden? Jedenfalls hat man untersucht so nie gesehen, so summarisch immer nur im Werkverzeichnis von Clement Weiler studieren können. Und die jähe Fülle, auch daran kann kein Zweifel sein, befördert entschieden die etwas matt gewordene Neugier. Ganz augenscheinlich sind in diesem Werk noch längst nicht alle Fundstellen kartographiert.
Was die Kenntnis von einzelnen Werkgruppen immer nur anzudeuten wußte, wird nun angesichts so umfassender Darstellung viel gewisser. Man begegnet da malerischer Verve, lauer Entwicklungsdynamik und epischer Breite, auch Langeweile. Die Ausstellung führt ein Werk vor, das von motivischer Genügsamkeit bestimmt ist (Stilleben, Landschaften, Porträts, Köpfe, Gesichter) und keine eigentliche Bewegungsrichtung kennt. Sie ist in ihrem Urteil eher zurückhaltend. Sie versteckt die disparaten Eindrücke nicht, sie versagt sich, die „masterpieces“ wie Trophäen aufzureihen. Sie zeigt vielmehr, daß es zwischen Ausgang und Ende dieses Werks Qualitäts-Unterschiede gibt.
Ein gewaltiger Spagat in der Tat. Die Ausstellung macht ihn auch räumlich deutlich. Früh- und Spätarbeiten mit der Demarkationslinie des Ersten Weltkrieges füllen jeweils einen eigenen Flügel im Münchner Lenbachhaus. Man kann beide Teile wie zwei unverbundene Ausstellungen besichtigen.
Jawlensky hat an den Avantgarden, die das Jahrhundert eröffnet haben, teilgenommen, ohne sie selber vorangetrieben zu haben. In seine eigenen Aufbaujahre fallen die großen, die Kunst revolutionierenden Innovationsschübe, auch der Verzicht auf das jahrhundertelang gezüchtete Raffinement beim Simulieren von Räumen. Die Farbe wird autonom, man entdeckt ihre von der Natur unabhängige Wertigkeit. Und auch das Selbstverständnis des Künstlers hat sich geändert: Er möchte sich auch als fühlendes, meinendes Subjekt kenntlich machen; er scheint anderen in der Tiefe seiner Empfindungen voraus zu sein.




