Das Paradies als Lager
Zum Menschenbild des Karl Marx
Von Fritz J. Raddatz
Die Dame des Hauses, wohlvertraut mit Lebensweise wie Theorien des Gastes, fragte Karl Marx am Ende des Abends, an dem man sich darüber gestritten hatte, wer im Zukunftsstaat denn die niederen Arbeiten verrichten solle: „Ich kann mir Sie auch nicht in einer nivellierenden Zeit denken, da Sie durchaus aristokratische Neigungen und Gewohnheiten haben.“ „Ich auch nicht“, antwortete Marx. „Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein.“
Fort ist er nun – seit genau 100 Jahren; aber wir sind noch da und müssen mit seinem Erbe leben. Ist es seine Welt geworden, die, die er erhofft, erkämpft, prophezeit hat? Fraglos ist Karl Marx einer der wenigen Deutschen nicht nur von Weltgeltung, sondern auch von fast unüberschaubarer Wirkung auf den Gang der Geschichte. Doch was macht einen zögern, darüber nur froh zu sein? Warum mischt sich in die Bewunderung vor Energie, Leiden und Leistung dieses genialischen Geistes Skepsis, Schauder gar?
Es gibt, denkt man an die kontroversen „Aneignungen“ seiner Lehre – von Havanna bis Peking –, wohl keine allgemeingültige Antwort. Die meine – Versuch der Annäherung und des Widerspruchs zugleich – ist eine ganz persönliche; damit so streitbar wie bestreitbar: Das Menschenbild des Karl Marx ist gefährlich. Es ist Heilslehre, Verkündung und Eschatologie. Es birgt sich darin aber Unheil, Vergewaltigung und Illusion. Das, was Ernst Bloch meinte, als er seine Utopie im „realen Sozialismus“ gestorben fand und ihn floh: „Der Marxismus hat sich zur Kenntlichkeit verändert.“
Der Widerspruch zwischen dem Entwurf eines neuen Humanum und dem Verwerfen des Menschen, wie er ist, offenbart sich bei Karl Marx früh. Der zentrale Satz im Abituraufsatz des siebzehnjährigen Schülers in Trier heißt: „Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung.“ Vom Glück der Millionen ist da die Rede – doch sein Hauptwort ist „Würde“ als „dasjenige, was den Mann am meisten erhebt, was seinem Handeln, allen seinen Bestrebungen, einen höheren Adel leiht, was ihn unangetastet, von der Menge bewundert und über sie erhaben dastehn läßt“.
Eine Heilslehre. Die braucht einen Künder, den von der Menge entfernten und bewunderten einzelnen. Für Karl Marx – schon mit siebzehn Jahren – besteht kein Zweifel, daß er das ist. Der Mensch vor der Wahl – und mit dem Vorrecht – ein großes Ziel zu erreichen oder zu scheitern. Mit einundzwanzig, seinen Lieblingsautor Plato bearbeitend, sieht Marx, daß es „dem Vernünftigen gebühret, zu herrschen und daß die Bewohner es Staates zu nötigen sind, daß sie zu jener Kenntnis gelangen, welche wir als die Größten aufstellen, nämlich das Gute zu sehen“.






