Der Schaden ist angerichtet, und er ist nicht wiedergutzumachen: Der Großsammler Peter Ludwig hat den bei weitem kostbarsten Teil seiner Kunstsammlung, ein Konvolut von 144 einmaligen, illuminierten Handschriften aus dem 7. bis 16. Jahrhundert an das Getty-Museum in Maibu, Kalifornien, verkauft. Die Kaufsumme – selbstverständlich geheimgehalten – dürfte beträchtlich über 100 Millionen liegen, eine Transaktion, wie sie auf dem internationalen Kunstmarkt zu den absoluten Raritäten gehört. (Zum Vergleich: Die sensationelle Versteigerung der berühmten Hirsch-Sammlung erbrachte seinerzeit 78 Millionen.) Ein deutsches Museum, das wußte Peter Ludwig zweifellos, hätte eine solche Summe nie und nimmer aufbringen können. Das Kölner Schnütgen-Museum, in dem die kostbaren Handschriften seit Jahren in wissenschaftlicher Kleinarbeit aufgearbeitet worden sind und in dessen Regie bisher drei eines auf vier Bände angelegten opulenten Kataloges erstellt wurden – alles aus Steuermitteln und für den Sammler kostenlos hat nun das Nachsehen. Hatte man sich in Köln, der Stadt, die dem Sammler gleichsam in der Halbzeit eines umfangreichen Stiftungsvorganges die Ehrenbürgerwürde verlieh, Illusionen gemacht? Haben Politiker und Museumsleiter leichtfertig geglaubt, sie wären mit Peter Ludwig handelseinig, als dieser bereits gefunden hatte, der Preis sei zu niedrig?

Sicher ist, daß der Aachener Geschäftsmann nicht jenen Stifter- und Sammlertypus repräsentiert, mit dem die Stadt Köln in der Vergangenheit so reich gesegnet war. Peter Ludwig hat immer im Blick auf die Öffentlichkeit und in Kontakt zu ihren Repräsentanten gesammelt. Der allergrößte Teil seiner Schätze ist nie durch seine Hände gegangen, hat jedenfalls nie einen Platz in seinem privaten Lebensbereich in Aachen gefunden – und sollte es auch nicht. Die unersetzlichen Handschriften beispielsweise wurden größtenteils per Auftrag in New York gekauft, dort und in Zürich in Banksafes aufbewahrt und in kleinen Partien zur Bearbeitung nach Köln gebracht und schleunigst wieder abtransportiert. Der spekulative Ansatz läßt sich nicht übersehen. Ludwigs Idee einer Stiftung war von vornherein so zugeschnitten, daß die Sorge, hiermit würde – bei Beteiligung des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Köln und des Stifterehepaares – die politisch ungleich bedeutendere Nationalstiftung konterkariert, immer mehr an Gewicht gewann. Dennoch haben sich alle Beteiligten schließlich auf ein Modell geeinigt. Wenig später zog sich Peter Ludwig ohne Begründung aus dem Projekt zurück. Man kann bei alledem nicht übersehen, daß Ludwig immer wieder mit seinen Sammlungen Kulturpolitik zu machen versucht hat, sich also selbst als ein Teilnehmer des politischen Geschehens begreifen mußte.

Daß er die Handschriftensammlung, wie er heute in seiner offiziellen Verlautbarung (einem stilistisch juristischen Meistermischwerk aus Honorigkeit und Brutalität) sagt, der Stadt Köln im juristischen Sinn nicht „zugesagt“ habe, mag Bestand vor Gerichten haben, eine Täuschung der Stadt bleibt es dennoch. Schaden hat der Stifter damit in doppelter Hinsicht angerichtet: Er hat ein bedeutendes europäisches Kulturgut nach Amerika verkauft Er hat aber darüber hinaus dem Stiftungsgedanken hierzulande immensen Schaden zugefügt. Der Eindruck, hier habe jemand mit viel Geld sich einen Platz in der Kultur- und Stadtgeschichte erkaufen wollen, läßt sich, nach den bereits erfolgten Ehrungen, nicht von der Hand weisen. Sicherlich, Ludwig hat trotz allem der Stadt Köln – und weiteren Museen von Basel bis nach Wien – Kunst im Millionenwert geschenkt. Dafür baut die Stadt Köln aber ein aufwendiges Museum, das seinen Namen tragen wird, sie hat auch Folgekosten zu tragen, die der Privatmann Ludwig für seine Kunstwerke ohnehin nie hätte aufbringen können. Das aus dem spektakulären Handschriftenverkauf erlöste Geld fließt dahin zurück, woher die Mittel für die Handschriften einst kamen, in die Leonard Monheim AG in Aachen, die Ludwig mit leitet. Die Kapitalerträge sollen einer privaten Stiftung zugute kommen, die mit der ursprünglichen Idee nichts mehr zu tun hat.

Peter Ludwig hätte seinem eigenen Ansehen als Stifter und der Idee der Sozialverpflichtung des Kapitals – in diesem Fall gegenüber der Kultur – keinen schlechteren Dienst leisten können. Die Stadt Köln wird sich dieses Stifters, dessen Namen eines der bedeutendsten Museen der Stadt tragen wird, vermutlich nie mehr mit ungetrübter Zuneigung erinnern können,

Hans-Peter Riese