Freiheit, Freiraum und Fragebögen
Warum die Volkszählung verschoben werden sollte
Von Theo Sommer
Die beiden Regeln stehen in keinem Lehrbuch der Logik, ihre Gültigkeit jedoch wird durch alle Lebenserfahrungen vielfältig bestätigt: Murphy’s Law und Breitensteins Kartoffel-Theorem. Murphys Gesetz besagt schlicht: „Wenn irgend etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief.“ Breitensteins Theorem beschreibt die erste und letzte Zuflucht jeglicher Obrigkeit in einem einzigen Satz: „Nun sind die Kartoffeln da, nun werden sie auch gegessen.“
Murphy’s Law muß bei der Verabschiedung des „Gesetzes über eine Volks-, Berufs-, Wohnungs- und Arbeitsstättenzählung (Volkszählungsgesetz 1983)“ Pate gestanden haben. Dessen unverdrossener Vollzug aber, als habe sich tiefe und begründete Skepsis nicht in allen politischen Lagern breitgemacht, läßt sich überhaupt nur mit dem Kartoffel-Theorem begründen: Nun ist das Gesetz da, nun wird es auch angewendet.
Natürlich ist eine Volkszählung in Abständen immer wieder notwendig, dem Staat das Recht darauf nicht abzusprechen – aber eine „Totalerhebung“ im vorgesehenen Umfang ist eine ganz andere Sache. Natürlich demonstrieren manche, die jetzt zum Boykott der Volkszählung aufrufen, damit bloß ihre Staats- und Systemfeindlichkeit, sie funktionieren den Zensus zum nächsten Protest-Happening um – aber dies entwertet in keiner Weise die Zweifel, Bedenken und Einwände vieler loyaler Staatsbürger. Und natürlich ist das ganze Unternehmen demokratisch korrekt zustande gekommen – aber das schließt ja nicht aus, daß dabei parlamentarische Unachtsamkeit und der Hochmut der Ämter eine unselige Verbindung eingegangen sind.
Niemand hat sich mit Kritik gerührt, als das Gesetz verkündet wurde: die Presse nicht, die Politiker nicht, ja nicht einmal die Grünen. Erst im vorigen Herbst, als die Vorbereitungen für die Fragebogen-Aktion begannen, lief die öffentliche Diskussion allmählich an. Sie ist um so bewegter geworden, je näher der Stichtag des 27. April rückte.
Bislang standen die inhaltlichen Bestimmungen des Gesetzes im Mittelpunkt des Meinungsstreites. Es ist in der Tat – Murphy läßt grüßen – voller schwerer Mängel.






