Mahnmal KZ KemnaSchluß mit dem Schweigen

von Anne Linsel

Wuppertal

Altbergische Fachwerkhäuser, eine mittelalterliche Klosterkirche, ein Stausee im Grünen: In dem idyllischen Wuppertaler Ortsteil Beyenburg wohnt der Abiturient Rainer Lörken. Auf der täglichen Busfahrt in die Stadt zur Schule kommt er nach einem halben Kilometer an einer Stelle vorbei, wo die Landschaft besonders schön ist. Die schmale Talstraße folgt dem Lauf der Wupper. Wiesen und Bäume am Flußufer, ansteiende Hügel, grün bewaldet: eine Ausflugs- und Wanderlandschaft, heute wie vor 50 Jahren.

Kemna heißt dieser Teil von Wuppertal. Jedesmal, wenn der Schüler Lörken hier vorbeifährt, hat er „ein eigenartiges Gefühl“. Denn hier, so hat ihm schon als Kind seine Großmutter erzählt, errichteten die Nationalsozialisten im Juli 1933 in einer damals stillgelegten Fabrik, die teilweise heute noch steht, eines der ersten deutschen Konzentrationslager. Ein halbes Jahr lang wurde dort gequält, gefoltert, geprügelt. Dann löste man das Lager auf: Die Nähe zur Stadt wurde den Nazis zu riskant, sie hatten Angst, daß zuviel von den Vorgängen im Lager nach draußen dringen könnte.

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KZ Kemna: Das war noch keine Gaskammer, aber eine Folterkammer. Hier wurden noch keine Juden geschunden, sondern Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen, Gewerkschafter. Über 4000 Wuppertaler gingen während der sechs Monate durch das Kemna-Lager. Die Foltermethoden waren nicht weniger barbarisch als später anderswo. Eher noch grausamer, denn Wärter und Gefangene kannten sich meist aus der „Kampfzeit“ in der Heimatstadt, sie waren Nachbarn gewesen oder Arbeitskollegen. In Kemna entlud sich persönliche Rache auf schlimmste Weise. Essensentzug, stundenlange Verhöre, nächtelanges Stehen an der Wand, Schläge, Fußtritte, Fausthiebe, simulierte Hinrichtungen, Zwang zum Salzheringe-Essen ohne einen Tropfen Flüssigkeit – das alles gehörte zum Lagerprogramm ebenso wie das alltägliche Bad in der Wupper. Selbstmordversuche und Selbstmorde waren an der Tagesordnung. Einige starben an den Folgen der Mißhandlungen, andere wurden geisteskrank oder blieben ihr Leben lang körperliche Krüppel.

Der damals 18jährige jüngste Gefangene, Karl Ibach, hat die Kemna-Hölle überlebt. Nach dem Krieg war er Bundesvorsitzender des Zentralverbandes Demokratischer Widerstandskämpfer und der Verfolgten-Organisationen. Seine Kemna-Erlebnisse hat er in einem Buch dokumentiert. Da ist auch über den Kemna-Prozeß von 1948, dem ersten großen deutschen KZ-Prozeß, zu lesen. Zum Beispiel aus der Urteilsbegründung: „In Superlativen zu sprechen, sollte vermieden werden, ist aber hier nicht zu vermeiden, denn die Taten der Angeklagten sind einfach unvorstellbar... Eine Zusammenfassung der Beweisaufnahme ergab ein Gesamtbild, welches in seinem Fürchterlichen nicht überholt werden kann ... Denn unvorstellbar für jedermann war bis dahin auch nur die Möglichkeit eines solchen Tuns, so abgrundtief gemein, so entsetzlich roh ist es.“

Das Gericht stellte die Frage: „Wie konnte die Außenwelt zu dieser Hölle schweigen?“ Denn das war während des Prozesses ganz klar geworden: Die meisten Wuppertaler wußten vom KZ Kemna – Polizeibeamte, Krankenhausärzte und Personal, Geistliche, die Bewohner ringsum und die vielen Spaziergänger, die von den Hügeln auf die Fabrik und die Wupper sehen konnten. Dazu das Prozeß-Protokoll: „Sie haben versagt.“

Vielleicht, sagt der Abiturient Lörken, war dieses Schweigen der Bevölkerung der wichtigste Antrieb im vorigen Jahr, den Vorschlag eines Mitschülers am Wuppertaler „Gymnasium am Kothen“ sofort mitzutragen: die Beteiligung seines Grundkurses Kunst der Jahrgangsstufe 13 am Wettbewerb „Mahnmal KZ Kemna“, den die Stadt Wuppertal unter Schulen und Jugendorganisationen zum 50. Jahrestag der Errichtung des Lagers ausgeschrieben hatte. Auch die Kunstlehrerin „fühlte sich sofort verpflichtet“, obwohl sie andere Pläne für das Schuljahr hatte. Sie bemerkte das brennende Interesse der Schüler. Sie spürte, daß da „ein Gefühl der Unheimlichkeit wach ist“. Und sie ergriff die Chance, dieses Thema sinnlich zu erarbeiten und theoretisch mit „Kunst im Dritten Reich“, „Entartete Kunst“, „Die Problematik des Denkmals“ zu begleiten. Drei Entwürfe gestaltete der Grundkurs in drei Gruppen: der Entwurf Rainer Lörkens und seiner Mitschülerin Silvia Sülz erhielt unter 27 Einsendungen den ersten Preis. Das Modell: eine sich ausstreckende Hand, Bahngleise (als Hinweis, daß Kemna für viele Durchgangsstation war), eine zerbröckelnde Fabrikmauer und Hügel ringsum – einfache Zeichen für den Tatort Kemna.

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