Von Armgard Seegers

Liebespaare im Film – da mußte es knistern, schmachten, gefühlsrauschen, sehnsuchten, verzehren, all die schönen Gefühle, die man zwischen acht und achtzehn Uhr so selten verspürt. Aufregende, hingebungsvolle Frauen, elegante Männer mit ungeahnter Gefühlstiefe und schwer zu überwindende Hindernisse, das war die Hollywood-Version eines Liebesbegriffs, der Millionen Menschen berauschte und prägte.

Und dann gab’s natürlich auch eine deutsche Sorte des Liebespaares im Film. Da wurde die Frau vom Mann „mein Kind“ genannt oder als „großartiger Kerl“ bezeichnet, da „schämt sich ein richtiger Mann, wenn er entdeckt, daß er ein Herz hat“, und das höchste aller gesellschaftlichen Ereignisse war ein Restaurantbesuch, bei dem eine Schildkrötensuppe verzehrt wurde. Die deutschen Liebesfilme und die amerikanischen Filme der verkniffen-spießigen Abart mit Doris Day und Rock Hudson indes verbindet eine Art Erkennungsmelodie: Vor den angedeuteten Bettszenen ertönt jedesmal – plim, plim, plim – die fast identische, quakige Musik.

Die deutschen Liebespaare machten nicht einmal den Versuch, der Mediokrität des sie umgebenden Alltags zu entfliehen. Die zur Zeit von der ARD ausgestrahlte Reihe „Deutsche Liebespaare“ zeigt, wie die schlimmsten Klischees über Menschen als Tugenden verkauft wurden.

In dem als „Liebesschule“ deklarierten Spielfilm von 1940 wird eine Sekretärin (die unscheinbar kecke Luise Ullrich) von ihren beiden Chefs mit Sprüchen wie „Ach, lassen Sie uns doch heiraten, Sie wissen so gut, wo meine Wäsche liegt“ umworben. Alle drei zeichnen sich durch ein erfrischend asexuelles Verhalten aus. Das Ideal der Frau, die man heiratet, wird denn auch schon frühzeitig beschrieben: „Sie ist ein guter Kumpel, in den man sich nicht auf den ersten Blick verliebt.“ Geht es hier um einen Bernhardiner oder die Freundschaft zwischen zwei Grubenarbeitern? Einerlei – eine eigene Identität hat die Frau sowieso nicht. Sie sagt von sich selbst: „Frauen verderben den Geschmack der Männer. Leider bin ich eine Frau. Das einzige, was mich tröstet, ist, keine heiraten zu müssen.“ Daß sich Luise Ullrich in der Zeit nationalsozialistischer Ideale am Ende natürlich für den spröden Deutschen entscheiden muß und nicht für den romantischen Italiener (der allerdings von dem Holländer Johannes Heesters gespielt wird), ist klar. Höhepunkt der Liebesromanze ist das Duett auf einer Schlittenfahrt: Mein Gott, so schön kann wahre Liebe sein.

Noch mondäner gibt sich „Bildnis einer Unbekannten“ – schließlich befinden wir uns mit diesem Film mitten in der Restaurationszeit der fünfziger Jahre (1954). Da geht es um eine mit einem Diplomaten verheiratete Sängerin, der fälschlicherweise ein intimes Zusammentreffen mit einem Maler unterstellt wird (O. W. Fischer trägt hier, ganz Künstler, einen Bart), natürlich alles in Paris, und das sieht so aus, wie man sich heute die Provinz in der DDR vorstellt. Macht ja nichts, die Deutschen wußten damals noch nicht, was das ist, ein Ausland. Daß Ruth Leuweriks verzerrte Oberlippe sie aber nicht gerade zur Liebesgöttin prädestiniert, hätte selbst ein Mönch erkennen müssen. Ist das Liebespaar der vierziger Jahre schlicht – naiv – doof, so zeichnet sich dieses hier durch genau die Eigenschaften aus, die ein Liebespaar eben gerade nicht haben sollte: Es ist hausbacken und vermufft. Als einziger Schauspieler verfügt O. W. Fischer über eine gewisse weltmännische Ausstrahlung; bei ihm sind Charme und Vitalität nicht so ganz undenkbar wie bei anderen Liebhabern der fünfziger Jahre, die heute lediglich die Assoziation „tote Hose“ wecken.

O. W. Fischer, der nicht bloß tugendhafte, durfte auch mit der gefühlsbetont agierenden Maria Schell Liebespaar spielen, die wiederum richtete sich manchmal auch mit Dieter Borsche, dem personifizierten verschluckten Stock, häuslich ein. Maria Schell, die süßlich triefende Zuckerwatte, litt stets tapfer, so auch im „Riesenrad“ (1961), wo sie uns an der Seite von O. W. Fischer ein von schlichten Emotionen gebeuteltes Leben vorspielt und doch nur als warnendes Beispiel für die Doppelmoral herhalten muß. Während er seiner Sekretärin („eine gute Sekretärin muß die Gedanken des Chefs erraten“) eine Wohnung einrichtet (deshalb?), obwohl sie sich selbst als „alte Jungfer“ bezeichnet hat, darf sie ihrem Geliebten nur einmal einen Kuß geben, denn ein Küßchen in Ehren usw... Die Frage: „Was will uns der Autor damit sagen?“ brauchte man sich damals jedenfalls noch nicht zu stellen.