Früher gehörte es an der Börse zu den Todsünden, wenn eine Gesellschaft, die ihr Kapital mit kräftigem Agio erhöht hatte, ohne jegliche Vorwarnung die Dividende senkte. Heute wird ein solches Vorgehen nicht einmal mehr als Kavaliersdelikt empfunden. So geschehen bei der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei in Hamburg, deren Aktienmehrheit sich bei Reemtsma befindet; weitere Aktienpakete haben die Vereins- und Westbank, Hamburg, und die Landwirtschaftliche Rentenbank, Frankfurt.

Die Ausrede, daß von der beschlossenen Dividendenhalbierung ja nur etwas mehr als sieben Prozent freie Aktionäre getroffen werden, zieht nicht. Denn Moral kann keine Sache der Quantität sein. Begründet wird die Ausschüttungskürzung übrigens mit der zwingenden Notwendigkeit erhöhter Risikovorsorge, von der zum Zeitpunkt der Kapitalerhöhung noch nicht die Rede war.

Niemand wird bestreiten wollen, daß Risikovorsorge erforderlich ist. Niemand sollte aber auch bestreiten, daß es eine andere Art der Gewinnverwendung gegeben hätte, bei der der Gedanke der Aktienförderung nicht mit Füßen getreten worden wäre. K. W.