Von Hermann Bößenecker

Mit einem „absoluten Nein“ zur Arbeitszeitverkürzung läßt sich die „ungeheure Brisanz der Arbeitsmarktsituation des nächsten Jahrzehnts“ nicht bewältigen. Zu dieser Einsicht ist Hans L. Schlitzberger gekommen. Solche Äußerungen und die dahinter stehenden Pläne und Überlegungen werden manchen Funktionär im Lager der Arbeitgeber und der Gewerkschaften aufhorchen lassen. Denn Schlitzberger ist Leiter des Zentralbereichs Personal der Siemens AG, des größten privaten Arbeitgebers der Bundesrepublik mit 213 000 Beschäftigten und 120 Betriebsstätten allein im Inland.

Daß Siemens vorprescht, ist kein Zufall. Für den Elektro-Multi ist das Thema besonders brisant. Das Management in München weiß, daß der rasante Fortschritt der Elektronik und die dadurch ausgelösten Automatisierungsprozesse in vielen seiner Betriebe noch stärkere Folgen für die Arbeitsplätze haben werden als in vielen anderen Branchen. Schlitzberger veranschlagt diesen „technologischen Einfluß“ auf die Zahl der Arbeitsplätze im Gesamtunternehmen auf rund zwei Prozent jährlich. Zusammen mit anderen Faktoren errechnet sich so eine Steigerung der Arbeitsproduktivität von jeweils fünf bis sechs Prozent im Jahr. Das ist fast doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft. Diese Leistungssteigerung könnte nur dann ohne Folgen für die Zahl der Beschäftigten bleiben, wenn sie durch ein konstantes Wachstum in gleicher Höhe ausgeglichen werden könnte. Damit ist in den kommenden Jahren auch nicht annähernd zu rechnen.

„Ein wirtschaftliches Wachstum in dem Umfang, wie es zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren notwendig wäre, ist meiner Ansicht nach angesichts der weltwirtschaftlichen Lage und der Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik in absehbarer Zeit nicht zu erwarten“, das ist Schlitzbergers Überzeugung.

Der 57jährige Diplom-Ingenieur aus Berlin, seit vier Jahren Chef des Zentralbereichs Personal und vor seiner Berufung in den Vorstand Leiter des Gerätewerks Karlsruhe, hält es deshalb für unausweichlich, daraus für die Personalpolitik Konsequenzen zu ziehen. Die Ergebnisse seines Nachdenkens erläutert er freimütig, obwohl er sich mit seinen Kollegen in den Arbeitgeberorganisationen darüber noch nicht im einzelnen abgestimmt hat. Er ist überzeugt, daß er es in seiner Funktion nicht verantworten kann, abzuwarten, bis sich neue Ideen in den Verbandsgremien durchgesetzt haben.

Alles spricht dafür, daß die IG Metall in den nächsten Monaten die Forderung nach der 35-Stunden-Woche massiv und offensiv verfechten wird. Gewerkschaftschef Eugen Loderer hat diese Forderung mit großem Nachdruck erhoben. „Das beste Ergebnis für den Arbeitsmarkt würde dann erzielt werden, wenn die Arbeitszeit in einem Zug um fünf Stunden verkürzt werden könnte“, ist seine Devise.