Von Jochen Steinmayr

Zumindest auf dem Salzburger Bahnhof klappte noch alles auf die Sekunde, obwohl Bruno Kreisky behauptet, in Österreich gingen die Uhren anders. Punkt 17.15 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit fährt der weißrot lackierte Schnellzug „Andreas Hofer“ ein. Die Eisenbahner-Kapelle intoniert einen flotten Marsch. Regen trommelt auf das Vordach des Bahnsteigs, das auf gußeisernen Säulen aus der guten, alten k. und k. Vergangenheit ruht. Umringt von Honoratioren, ehrfürchtig blickenden Anhängern und Papierfähnchen schwenkenden Kindern entsteigt der Kanzler im grünen Lodenmantel einem Waggon 1. Klasse und lüftet seinen grünen Hut: Vierter Wahlkampf um die Kanzlerschaft der Alpenrepublik.

Eine altersbedingte Krankheit hat den 73jährigen schmal werden lassen, hat seine Schultern gebeugt, verleiht seinem einst massiven Erscheinungsbild etwas anrührend Zerbrechliches. Wenn er, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, durch die rücksichtsvoll zurückweichende Menge geht, erinnert er mehr denn je an den alten Kaiser. Auf dem Podium des überfüllten Festspielhauses freilich, sonst einer unumstrittenen Domäne des Maestro Karajan, beweist Kreisky, daß er im politischen Geschäft noch immer der Alte ist, geistesgegenwärtig, schlagfertig und jedweder gegnerischen Demagogie überlegen.

Wozu, fragt er, brauchen wir eine Wende? Wir stehen mit 4,5 Prozent Inflationsrate und sogar einem Prozent Wachstum besser da als alle unsere Nachbarn. Und sei nicht er, Kreisky, es gewesen, der schon im vorvorigen Wahlkampf darauf hingewiesen habe, daß steigende Arbeitslosigkeit das Problem sein werde, das die Menschen wirklich bewegt? Damals sei er, etwa bei seinem Freund Helmut Schmidt, noch auf taube Ohren gestoßen, genauso wie bei der österreichischen Opposition mit seinem Argument, Schulden seien allemal billiger als Arbeitslose. Ja, wenn in Österreich wie im vergleichbaren Belgien heute 600 000 ohne Beschäftigung wären, dann müßte wohl auch er kapitulieren. „Aber wir haben eben nur 150 000.“ Dankbarer Beifall vom Parkett bis in die Logen.

Unter derart günstigen ökonomischen Umständen und angesichts der Tatsache, daß eine Studie der Universität von Pennsylvanien der Republik Österreich soeben unter 107 gleichartigen Ländern die drittbeste Lebensqualität nach Dänemark und Norwegen bescheinigt hat, billigt der Sozialdemokrat Kreisky seiner bürgerlichen Opposition zu, daß sie es schwer hat. Deshalb beschäftige sie sich auch vorwiegend mit seiner Gesundheit. Seit er eine ÖVP-Wanlzeitung gelesen habe, wisse er überhaupt erst, wie viele andere Krankheiten es außer seiner eigenen gebe (einer Niereninsuffizienz, wie das ganze Land weiß). Dann bemerkt Kreisky mit jener entwaffnenden Ironie, der kein Österreicher widerstehen kann: „Sterben muß ich, aber drängen laß ich mich net.“

Vergeblich mühten sich die österreichischen Zeitungen, den Wahlkampf im kleinen Nachbarland anzuheizen. In den sieben Wochen nach der Bonner „Schicksalsentscheidung“ hängen selbst im grenznahen Salzburg die Transparente schlaff im Westwind, der aus Deutschland herüberweht. Nur ein einziges deutsches Lehnwort haben die beiden Hauptkontrahenten auf ihre Plakate gesetzt. Die Sozialdemokraten fordern: „Aufschwung sichern, Kreisky wählen“, die Konservativen: „Mit Mock den Aufschwung schaffen“. Der Jurist Alois Mock, fast ein Vierteljahrhundert jünger als der Kanzler und um Grade volkstümlicher als sein trockener Vorgänger, der Bankier Tauss, hat als Kanzlerkandidat dem Regenten am Ballhausplatz nur eines voraus: Er kann sich Zeit lassen, rein biologisch gesehen. Das aber empfindet ein Wiener Kommentator als eine Alternative „so öd wie lange nicht“.

Kreisky unterstreicht nachdrücklich, er werde nach der Nationalratswahl am kommenden Sonntag und mit einer absoluten Mehrheit wieder ins Kanzleramt einziehen. Für eine wie immer geartete Koalition aber stehe er nicht mehr zur Verfügung. „Glauben’s mir“, sagt er leise, „das tu ich mir nicht mehr an.“ Dreißig Jahre aktive Regierungsarbeit hat der Kanzler auf dem Buckel, Staatssekretär schon in der Proporzregierung, die den Alliierten 1955 den befreienden Souveränitätsvertrag abhandelte, dann deren Außenminister, dann Chef der ersten sozialistischen Minderheitsregierung, schließlich drei Legislaturperioden lang Regierungschef mit absoluter SPÖ-Mehrheit. Im Staat wie in seiner Partei könnte Bruno Kreisky also, da anscheinend alles für ihn günstiger läuft als bei den Genossen in Bonn, getrost seine inneren und äußeren Widersacher mit dem Adenauer zugeschriebenen Wort bescheiden „in meinem politischen Alter ist mit einem Ableben nicht mehr zu rechnen“. Schon der vorwitzige Hannes Androsch, der zu früh und zu keß auf die ihm in Aussicht gestellte Nachfolge drängte, hatte die Pranke des alternden Löwen unterschätzt – worauf er sich prompt auf einem – allerdings hochdotierten – Banker-Sessel wiederfand.