Von Helmut Schödel

Sie nannte sich wieder Sugar und sang „I Wanna be loved by you“. Es war im Karfreitag dieses Jahres, Spätvorstellung am Münchner „Arena“, einer herrlichen Kinokaschemme, wie es vor zwanzig Jahren in der Vorstadt noch viele gab. Die Stühle sind schon abgesessen, die braune Wandbespannung ist leicht verschmuddelt, ihr Faltenwurf schlaff. Wie es das Kino und seine Mythen inzwischen gebeutelt hat, sieht man im „Arena“. Aber als das Licht ausging, verliebte sich Sugar wieder in Tony Curtis und alles war wie beim erstenmal.

So oft wie Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ habe ich noch keine Theateraufführung gesehen. Aber als Minetti in Thomas Bernhards Stück „Minetti“ spielte, bin ich gleich dreimal nach Stuttgart gereist. Am Ende des Abends starb er, im Stück ein erfolgloser Provinzschauspieler, in Ensors Maske auf einer Bank, in einem Schneesturm. Am schönsten war es, in den ersten Reihen zu sitzen. Die Windmaschine trieb den Schnee bis dort hin, und man spürte, daß er künstlich war. Theaterträume halten keine Ewigkeit.

Auch Peter Brooks „Carmen“ sah ich in Hamburg ein letztes Mal. Obwohl die Aufführung verfilmt ist, werde ich sie nicht wiedersehen. Auch „Minetti“ gab es im Fernsehen, aber da fehlte der Schnee. Wenn ich Sehnsucht habe nach „Carmen“, nach „Minetti“, werde ich mich im Kino trösten, nicht mit Theaterverfilmungen. Vielleicht gehe ich wieder zu Marilyn als Sugar. Die kann so schön lügen.

Walter Bockmayer, dessen neuer Film „Kiez“ diese Wochen in neunzig Kinos startet, log sicher nicht, als er mir sagte: „Film ist ein knallhartes Business, ein Produkt, eine Ware.“ Wenn „Kiez“ keine Kasse macht, wird es keinen Produzenten für Bockmayers nächstes Projekt geben, eine kostspielige Verfilmung von James Baldwins Roman „Giovannis Zimmer“.

Auch das sind Kinogeschichten: Als für „Kiez“ finanziell schon alles klar schien, hielt es ein Produzent, der mit einer Viertelmillion „eingestiegen“ war, für besser, wieder „abzuspringen“, um einen eigenen Film im Kiez-Milieu zu drehen: „Babystrich im Sperrbezirk“. Bockmayer: „Vierzehn Tage vor ‚Kiez‘ reitet der jetzt die Kinos ab. Das kann uns schaden, weil viele den Porno mit der ‚Kiez‘-Verfilmung verwechseln.“

Im „Arena“ ist Kino immer so schön romantisch, vor allem, wenn die Monroe als Sugar auftritt. Aber bald fällt mir Marilyns Unglück ein, ihr Selbstmord...