Von Silvia Schattenfrol

Mehr als drei Jahrzehnte lang war die heute 59 Jahre alte Tanzpädagogin Lucile Nathanson mit ihrem Mann Bernhard, einem ehemaligen Professor für Zahnmedizin, in ihrer Freizeit gesegelt. Doch eines Tages verblüffte sie ihn mit der Frage nach der Bedeutung der Begriffe „Backbord“ und „Steuerbord“.

Es war kein Scherz. Lucile Nathansons Frage war Ausdruck einer besonderen Vergeßlichkeit – einer Krankheit, die derzeit Amerika erschreckt: Die New York Times widmete unlängst der Leidensgeschichte des Ehepaares Nathanson eine ganze Seite samt dreispaltigem Photo. Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt der „Krankheit des Vergessens“, die nach Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs und Unfällen die vierthäufigste Todesursache in den Vereinigten Staaten ist.

Schätzungsweise zwei Millionen Amerikaner leiden an der Alzheimer-Krankheit, einer Form geistigen Verfalls, die nach ihrem Erstbeschreiber, dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer, benannt ist. An der Alzheimer-Krankheit sterben jährlich 100 000 Amerikaner, meist Personen über 65 Jahre. Angesichts steigender. Überalterung rechnen Fachleute bis zum Jahre 2020 mit vier Millionen Alzheimer-Kranken – eine enorme Belastung der Gesundheitsdienste.

Der Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit beginnt oft bereits im fünften Lebensjahrzehnt. Den Anfang bildet ein auffälliger Verlust der Merkfähigkeit: Geschäftsleute vergessen plötzlich wichtige Termine und können sich an den Namen des Partners nicht erinnern; Hausfrauen „vergessen“, wie sie Speisen zubereiten müssen, die sie jahrelang gekocht haben. Die Betroffenen erschreckt die zunächst bagatellisierte, dann aber immer quälendere Vergeßlichkeit, die sie schließlich verzweifelt und dann depressiv werden läßt. Emotionale Defizite treten hinzu. Die Kranken werden überaus reizbar, können ihren Beruf nicht mehr ausüben und verlernen schließlich Lesen, Denken, Sprechen. Der Tod tritt drei bis zehn Jahre nach Beginn der Erscheinungen ein.

Die Diagnose der Alzheimerschen Erkrankung ist nicht einfach. Sie kann erst nach Ausschluß anderer Erkrankungen gestellt werden, die ebenfalls die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Dazu gehören in erster Linie Gefäßerkrankungen, aber auch Kopftumoren und nicht ausgeglichene Stoffwechselstörungen wie Schilddrüsen-Unterfunktion oder schlecht eingestellter Diabetes; ähnliche Folgen können zudem Nebenwirkungen und Überdosierungen von Medikamenten, etwa von Herzglykosiden (Digitalis), haben.

Den Verdacht auf eine Alzheimer-Erkrankung können moderne Untersuchungsmethoden wie die Computertomographie des Schädels oder die neuartige PET(Positronen-Emissions-Tomographie)-Technik erhärten. Diagnostische Sicherheit ‚ können die Ärzte allerdings erst nach dem Tod der Patienten durch die mikroskopische Untersuchung des Gehirns erhalten. Dann zeigen sich in der Großhirnrinde und anderen, tiefer gelegenen Hirnbereichen sogenannte Altershaufen („senile Plaques“). Sie bestehen aus untereinander vernetzten und in ihrer Struktur degenerativ veränderten Nervenzellen, die Alois Alzheimer erstmals 1907 bei einem mit 51 Jahren verstorbenen Patienten gesehen hatte. Die Anzahl der Plaques gilt heute als direkter Gradmesser für das Ausmaß der Erkrankung. In den letzten Jahren konnten Forscher diese sichtbaren Strukturveränderungen biochemischen Abweichungen zuordnen. Aus der anfänglichen Vermutung erwuchs eine Hypothese der Krankheitsentstehung: Dem Gehirn des Alzheimer-Kranken fehlt es, wie seit Mitte der siebzig ger Jahre bekannt ist, an ausreichender Menge des Nervenüberträgerstoffes Acetylcholin (ACh). Diese Substanz ermöglicht in bestimmten Bereichen des Gehirns die Impulsübertragung von einer Nervenzelle auf die andere.