Neulich hat der Hamburger Konzertveranstalter Lutz von einer erfolgreichen Pianistin genau die Antwort bekommen, die die Urheber des Künstlersozialversicherungsgesetzes jubeln läßt. Er hatte Martha Argerich gefragt, ob sie etwas für ihr Alter getan habe. „Da hat sie mich fröhlich angelacht und hat gefragt, was ich eigentlich meinte. Da ist sie erst draufgekommen, daß sie gar nichts getan hat.“ Vielleicht, spekuliert er, kriegt sie ja eine Professur, die sie bis ans Lebensende versorgt. Aber darauf zu hoffen, wie der selige Arthur Rubinstein beinahe bis ins hundertste Lebensjahr bei Kräften zu sein und auch noch zu Höchstgagen engagiert zu werden, das wäre zuviel Kühnheit.

Karsten Jahnke, der sich in Hamburg als Popmusik-Veranstalter einen Namen gemacht hat, sagt: „Ich kenne keinen Musiker, der da drin ist“, da drin in der Künstlersozialversicherung. „Wer heutzutage im Showgeschäft ist“, sagt er, „und einigermaßen etwas geworden ist, hat einen guten Berater, und der hat längst eine Lebensversicherung für ihn abgeschlossen.“

Ausländer in die Solidargemeinschaft zu zwingen, hält der Pop-Veranstalter Fritz Rau sogar für verheerend. Für ihn ist das „eine Art von Fremdensteuer“. Sie erinnert ihn auch an die Ausländer-Lohnsteuer von fünfzehn Prozent, die ebenfalls pauschal nach der Brutto-Gage (mitsamt Reise-, Hotel-, Lebenskosten) berechnet wird. „Und nun“, sagt er, würden die ausländischen Künstler „dafür, daß sie die Leute glücklich machen, auch noch mit der Versicherung bestraft“.

In der Praxis, fürchtet Fritz Rau, wende sich das Sozialversicherungsgesetz der Künstler gegen die Neulinge, gegen die unbekannten, unerfahrenen Talente, „gegen die Schwachen“. Sie füllen – noch – keine großen Säle, sie kosten die Veranstalter zu viel Geld. Denn die haben ihre fünf Prozent der Versicherungsgebühr auf jeden Fall zu zahlen, auch wenn ihnen ein Konzert keinen Gewinn, sondern einen Verlust gebracht hat: Es zählt ja die Brutto-Gage. Wenn der Künstler nichts verdient, braucht er nicht an die Versicherung zu denken; wenn der Veranstalter nichts verdient, muß er auf jeden Fall dafür zählen, was er dem Künstler gezahlt hat. Es folgt die Konsequenz: „Wenn eine städtische Bühne einen Reinfall erlebt, rückt sie das in ihrem Etat zurecht, notfalls zahlt der Staat; wenn mir das passiert“, sagt Rau, „bliebe mir nur der Konkurs: Pech gehabt.“

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Erstens: Als Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand 1974 ihren „Künstler-Report“ veröffentlichten, konnten sie feststellen, daß bei den Musikern in den zurückliegenden 25 Jahren eine regelrechte Flucht in die Anstellung stattgefunden hatte. Die städtisch subventionierten Symphoniker samt ihrem Generalmusikdirektor wie der Kantor an St. Petri, der Bassist im Chor der Städtischen Bühnen wie der Kompositionsprofessor der Musikhochschule, der Tonmeister bei der Schallplattehgesellschaft wie der Redakteur des öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders – sie alle genießen seit langem die Vorteile einer Festanstellung. Aber auch die ehemals privaten Musikerzieher, zu denen wir in die Geigen- und Klavierstunde gingen, haben sich mehr und mehr in den Schutz des sozialen Netzes begeben – wie umgekehrt die verbliebenen selbständigen Musikpädagogen nachweislich auf der untersten Sprosse der Einkommensleiter sitzen.

Zweitens: Die Komponisten (Textdichter, Musikbearbeiter) verfügen inzwischen in der – sie heißt nun einmal so – Sozialkasse der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) über ein vernünftig funktionierendes Institut. Freie Mitarbeiter von Funk und Fernsehen samt deren Industrie-Satelliten besitzen seit einigen Jahren ein Versorgungswerk, in das, nach langem Hin und Her, die Anstalten für ihre arbeitnehmerähnlichen Programm-Zulieferer den halben Beitrag, den Arbeitgeber-Anteil, einzahlen. Das Presseversorgungswerk schließlich steht allen Journalisten der Print-Medien offen.