Wenn das erste Grün an den Linden und Ulmen der Grachten zu knospen beginnt, dann strömen Touristen aus aller Welt nach Amsterdam und nehmen für die kommenden Monate von der Stadt Besitz. Dann sieht man sie nicht nur sehend, staunend und photographierend durch die Gassen schlendern oder mit ihren Autos zum täglichen Verkehrschaos beitragen, sondern auch die Märkte, insbesondere die Flohmärkte, plündern.

Nur einen Markt haben die Besucher noch nicht entdeckt, hier sind sozusagen auch in den Sommermonaten die Menschen aus der buurt, der Nachbarschaft, unter sich: den Noordermarkt im Jordan, einem urigen Viertel mit ungezählten Kneipen, Galerien, Cafés, Geschäften und Binnenhöfen.

Der Grund für das Desinteresse dürfte aber lediglich darin liegen, daß der Markt ein gleichsam verborgenes Dasein fristet: Er dauert nur vier Stunden und dies auch noch nur Montag morgens; und er ist dabei so liebenswert wie aufgeregt.

Neben den üblichen Marktständen (Fisch, Obst, Seife, Schuhe, Wäsche) gibt es zwischen Noorderkerk und Prinsengracht einen Flohmarkt, dessen Angebot nicht so ausgesucht ist wie auf vergleichbaren Märkten. Hier findet, wer sucht: Biedermeier-Gläser, Radios der Vorkriegszeit (funktionieren noch), gußeiserne Ofen, historische Weinetiketten, Blechspielzeug, Orden aus glorreichen Jahrhunderten, Möbel aus Hartholz, Uhren, Gemälde, Kameras, Kaffeeservice und Nierentische der 50er, gute echte Second-handware an Kleidung und und und. Und wenn die Zeiger der Turmuhr gegen zwölf gehen, setzt mancher Händler seine Ware herunter und bietet alles für einen „piek“, einen Gulden an.

Wen das Angebot und das Rundlaufen ermüdet oder wer sich den Kauf einer Trompete noch einmal überlegen will, kann die Atmosphäre alter gemütlicher „bruinen cafes“ genießen, und den Kauf bei einem Bier oder Kaffee in Ruhe überlegen (etwa im „Bruinen Paard“, „Twee Prinsen“, „Monumentje“, „Papeneiland“).

Nur zu lange sollte man nicht warten, denn der Markt ist bekannt dafür, daß er auch Profis anzieht, die dann mit kundigem Blick aus einer Wühlkiste Großmutters Puppe oder aus einem Stapel Teller auch schon mal ein Stück Meißen ziehen. Denn noch sind die Preise nicht unverschämt. (Noordermarkt, Amsterdam, jeden Montag zwischen 8 und 12 Uhr.)

Siggi Weidemann