Wissenschaft und Erziehung

Von Bernd Weidenmann

Die Verwissenschaftlichung der Pädagogik bordet über. Erziehungswissenschaftler bemächtigen sich pädagogischer Realität in zahllosen Forschungsvorhaben, Experimenten und Studien; sie überfluten den Buch- und Zeitschriftenmarkt. Die Weißkittelpädagogen beanspruchen das Wissensmonopol. Ihre Erkenntnisse seien gesichert, mit Hilfe wissenschaftlicher Verfahren gewonnen und überprüft, empirischer Kontrolle unterworfen und somit veralfgemeinerbar. Das Alltagswissen der Blaukittelpädagogen dagegen ist mit Subjektivität verunreinigt. Aus Arbeitsteilung – hier Forscher, dort Lehrer; hier Wissenschaft, dort Unterricht – ist Spaltung geworden.

Wissenschaftliches wissen und praktisches Handeln sind auseinandergeraten. Die pädagogischen Verlage, deren Existenz vom Gelingen der Vermittlung abhängt, spüren die Spaltung hautnah: Erziehungswissenschaftliche Fachliteratur hat kaum mehr Leser; Lehrer spüren, daß die Wissenschaftler für sich, nicht für sie schreiben. Was aber ist zu tun, wenn sich pädagogische Praxis gegen erziehungswissenschaftliche Theorie als resistent erweist? Wenn Forscher ihre Abnehmer nicht mehr erreichen, ja oft nicht erreichen wollen? Wenn von der Wissenschaft bereitgestelltes Wissen einerseits und handwerkliches Alltagswissen andererseits als isolierte, wenn nicht gar konkurrierende Wissenssysteme die Pädagogik bestimmen?

Die Situationsbeschreibung stammt von einem Autor, der Lehrer und Erziehungswissenschaftler ist, der täglich in Hochschule und Schule (Laborschule und Oberstufenkolleg in Bielefeld) arbeitet. Von dieser konkreten Lebens- und Arbeitssituation sind weder die Fragen seiner gerade erschienenen Essaysammlung

Hartmut von Hentig: „Erkennen durch Handeln. Versuche über das Verhältnis von Pädagogik und Erziehungswissenschaft“; Klett-Cotta, Stuttgart 1983; 300 S., 36,– DM.

noch die dort entwickelten Antworten zu trennen, Die persönliche Erfahrung, Erkenntnis handelnd zu vermitteln und handelnd Erkenntnis zu gewinnen, schützt ihn davor, einseitig für die Forscher oder die Lehrer Partei zu ergreifen. Derzeit beunruhigt ihn allerdings ein Übergewicht der empirischen Erziehungswissenschaft, und so setzt er sich mit Nachdruck für eine Rehabilitation des Erfahrungswissens ein. Die Erfahrung der pädagogisch Handelnden, der „Täter“, darf, so meint er, nicht weiter unterschlagen, verdrängt, vergewaltigt werden. Das schlechte Gewissen der Lehrer gegenüber der erziehungswissenschaftlichen Theorie macht sie zu schlechten Lehrern. Und wo sie wissenschaftliche Erkenntnismittel übernommen haben, hat dies ihren Blick vielfach verengt, Sie verabsolutieren theoretische Formeln und Einteilungen und werden blind für Erscheinungen, die nicht in solchen Schablonen unterzubringen sind.