Das ist viel zu heikel, als daß es ans Tageslicht kommen könnte, meinte vor einigen Wochen ein Warschauer Wissenschaftler, gefragt nach der großen Meinungsumfrage „Polen 1981“. Man wußte, daß sie längst fertig war, Bruchstücke waren sogar bekannt, aber das Ganze blieb ein Geheimnis. Auf Befehl von oben mußten die Soziologen, die sich mit der Untersuchung beschäftigten, die Ergebnisse verschließen und durften keine Informationen über sie verbreiten. Die Nachrichtensperre blieb aber nicht dicht genug. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden doch veröffentlicht, und zwar in der renommierten Untergrundzeitschrift Krytyka.

Die Untersuchung „Polen 1981“ wurde abgeschlossen am 12. Dezember 1981 – einen Tag vor Verhängung des Kriegsrechts. Wollte man den amtlichen Darstellungen glauben, dann waren die Polen im Dezember 1981 gespalten in Extremisten, die zum Bürgerkrieg drängten und Realisten, die sich nach der starken Hand der Militärs sehnten. Die Untersuchung vermittelt ein ganz anderes Bild.

Ihre Autoren stellten etwa die Frage, welche Maßnahmen in Polen angesichts der scharfen Auseinandersetzung zwischen der „Solidarität“ und der kommunistischen Regierung getroffen werden sollten. 80 Prozent entschieden sich für folgende Antwort: „Man sollte eine Regierung der nationalen Einheit bilden, an der Vertreter der einflußreichsten gesellschaftlichen Kräfte beteiligt wären.“ Fast 90 Prozent waren der Meinung, die „Solidarität“ müßte freien Zugang zum Fernsehen und anderen Massenmedien bekommen – eine konterrevolutionäre Forderung, wie kommunistische Funktionäre meinten. Abgelehnt wurde auch die offizielle Forderung nach Verstärkung der Kompetenzen der Sicherheits-, kräfte.

Geteilt waren dagegen die Meinungen in der Frage des Streikverbots: Offensichtlich waren immer mehr Polen dafür, von der gefährlichen Waffe des Streiks seltener Gebrauch zu machen. Diese Ergebnisse seien ein klares Votum für Pluralismus und Demokratie, gegen autoritäre und gewaltsame Lösungen, kommentiert die Krytyka heute. Es sei, meint das Blatt, keine Spur der „Anarchie“ zu erkennen, mit der sich die Militärs seit dem 13. September 1981 rechtfertigen.

Diese Auffassung wird bestätigt in anderen Teilen der Untersuchung. Auf die Frage, welche Formen des gesellschaftlichen Protestes richtig seien, wählten die meisten (über 64 Prozent) die Sammlung von Unterschriften für Petitionen. Politische Streiks waren umstritten, während bestimmte Formen des Protests entschieden abgelehnt wurden: Nur 17 Prozent der Befragten fanden es richtig, der Polizei Widerstand zu leisten; die Gewaltanwendung gegen öffentliche Gebäude und Gegenstände akzeptierten nur 0,5 Prozent der Befragten.

Die Polen waren aber auch eindeutig gegen Gewaltanwendung der staatlichen Seite. Auf die Frage, welche Mittel die Regierung gegen eine protestierende Bevölkerung anwenden dürfte, antworteten nur 13 Prozent, sie billigten den Einsatz von Polizeikräften. Noch weniger Unterstützung (7 Prozent) fand eine andere gewaltsame Lösung, der Einsatz des Militärs gegen Streikende. Beide Methoden wurden am 13. Dezember und später angewendet, mit einer Brutalität, die früher unvorstellbar erschienen wäre.

Die Auswertung der Ergebnisse ergibt aufschlußreiche Erkenntnisse über die Meinungsverschiedenheiten in Polen vor dem Kriegsrecht: Keine bedeutenden Differenzen zwischen Arbeitern und Bauern, Land- und Stadtbevölkerung sind feststellbar; auch der Gegensatz von Jung und Alt hatte keine größere Bedeutung. Ein deutlicher Widerspruch aber bestand zwischen Mitgliedern der „Solidarität“ und der alten regimetreuen Branchengewerkschaften. Die konservativste Gruppe waren Branchengewerkschafter, die gleichzeitig Parteimitglieder waren und leitende Positionen innehatten. Sie akzeptierten, im Gegensatz zu den meisten anderen Polen, die autoritären Lösungen: Beschränkungen der Meinungsfreiheit, Streikverbot, Zwangsablieferungen der Bauern, Polizei- und Armee-Einsatz gegen Demonstranten. Diese Gruppe, die weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachte, sei die einzige gewesen, die man als extremistisch bezeichnen könne, schreibt die Krytyka. Sie habe den Militärs seit dem Dezember 1981 Rückenstärkung gegeben.