Von Dieter Buhl

Während die Sozialdemokraten wieder einmal mit heftigem Familienkrach von sich reden machen, will offenbar auch die CDU beweisen, daß ihr Harmoniebedürfnis Grenzen hat. Zwar brodelt es nur in einem Bundesland, aber in was für einem ... Seit der vergangenen Woche haben die christdemokratischen Landesverbände Rheinland und Westfalen, allen voran deren Vorsitzende Bernhard Worms und Kurt Biedenkopf, einander offiziell den Kampf angesagt. Im Gegensatz zum Brauch der Sozialdemokraten ziehen sie jedoch nicht wegen ideologischer Differenzen oder programmatischer Meinungsverschiedenheiten gegeneinander zu Felde. Für die Christdemokraten geht es vielmehr um das, was sie stets noch am meisten beschäftigt hat: um die Macht.

Zur Debatte steht die Nominierung des Ministerpräsidenten-Kandidaten für die nächste Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Sie findet zwar erst im Frühjahr 1985 statt, doch der Ausgang der Bundestagswahl läßt den wichtigsten Länderpreis schon jetzt verheißungsvoll funkeln. Gerade an Rhein und Ruhr konnte die CDU erhebliche Zugewinne verbuchen. Nach 17 harten Jahren in der Opposition keimt deshalb bei den Christlichen Demokraten erstmals wieder die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Düsseldorfer Staatskanzlei.

Wo solche Chancen winken, läßt ein Macht-Match zwischen Rheinland und Westfalen nicht auf sich warten. Es wurde noch stets angepfiffen, wenn Ämter oder Pfründe zu vergeben waren. Im künstlich gezeugten Bindestrichland wiegt landsmannschaftliche Eigensucht immer noch schwerer als grün-weiß-rote Solidarität, zumal bei den Parteien. Ihre Landesorganisationen – gleich ob CDU oder SPD – liegen so oft miteinander in Fehde, daß darunter der nordrhein-westfälische Einfluß im Bund ebenso leidet wie die innerparteiliche Zusammenarbeit im Land.

Beim augenblicklichen Ringen zwischen Ost und West in NRW fällt jedoch eine Absonderlichkeit ins Auge: Diesmal stellen nicht die Rheinischen den brillanten, mundfertigen Kandidaten gegen einen biederen und bodenständigen Konkurrenten in den Ring, diesmal glänzt es auf Seiten der Westfalen. Genutzt hat es ihnen bisher wenig. Ihr Matador mußte schon in der ersten Runde einen Punktverlust kassieren: Der westfälische Landesvorstand sprach sich am vergangenen Freitag mit nur zwanzig Stimmen, bei zwei Enthaltungen und sieben Gegenstimmen, für eine Nominierung seines Vorsitzenden Kurt Biedenkopf zum Spitzenkandidaten aus. Die Rheinländer – der Vorstand und die klugerweise herangezogenen 27 rheinischen CDU-Kreisvorsitzenden – hingegen votierten geschlossener. Sie unterstützten mit 52 Stimmen bei nur zwei Enthaltungen die Bewerbung ihres Vorsitzenden Bernhard Worms für das Amt des Ministerpräsidenten.

Das war ein überraschender Auftakt für das scheinbar so ungleiche Duell. Denn sprechen nicht alle Fakten für Kurt Biedenkopf, für den eloquenten Düsseldorfer Oppositionsführer, den ehemaligen CDU-Generalsekretär, den Überflieger und Vordenker der Union, der manchen vor Jahren als kommender Kanzler galt? Kann ein weithin unbekannter Politiker wie Bernhard Worms überhaupt eine Chance gegen ihn haben? Kann ein Kärrner der Kommunalpolitik, ein Aufsteiger aus der rheinischen Provinz den weltgewandten Professor in Verlegenheit bringen?

Wieder einmal zeigt sich, daß Gedankenblitze und Formulierungskünste allein den politischen Erfolg nicht garantieren. Dazu gehören auch Geduld und Gelassenheit, Schlaumeierei und Schulterklopfen. Weil Biedenkopf dazu nicht fähig oder willens ist, weist seine Karriere Knicke auf. Sein Talent, das Falsche zum falschen Zeitpunkt zu vertreten, hat ihm oft genug geschadet. Noch heute hängt ihm an, daß er 1975 als Generalsekretär Helmut Kohl übereifrig vor dem dafür bestimmten Termin als Kanzlerkandidaten vorschlug, und schlimmer, daß er Kohl vier Jahre später zum Rücktritt als Vorsitzender der Bundestagsfraktion aufforderte. Auch sein Schwenk vom Kanzleraspiranten Albrecht zu Franz Josef Strauß hat Zweifel an Biedenkopfs Urteilskraft und Beständigkeit geweckt. Diese Bedenken schlugen sich nieder bei Wahlen zum CDU-Präsidium wie zum westfälischen Landesvorsitz. Biedenkopf mußte immer wieder mit wenig rühmlichen Stimm-Ergebnissen vorlieb nehmen.