Georg Stefan Troller

Von Raimund Hoghe

Die mögliche Postkartenansicht ist versperrt, die Rollos vor den Fenstern sind heruntergelassen, der nahe gelegene Eiffelturm ist fern. Unter dem Bürofenster in der Rue Goethe stapeln sich Papiere und Bücher, im Regal an der Wand steht eine Ausgabe von Trollers „Mein Paris“. Erinnerungen an die sechziger Jahre werden wach, an Georg Stefan Torller und sein „Pariser Journal“, das mehr war als nur ein Fernsehmagazin – ein Ort der Sehnsucht, ein Hauch von anders Welt und Menschen, die so ganz anders schienen als die im Wirtschaftswunder-Deutschland und, ob Künstler, oder Star, Prostituierte oder Künstler, Unterprivilegierte oder Angehörige der High-Society, vor allem eines zu leben suchten: ihre Individualität. Und Troller war einer von ihnen, mit Pfeife und und lem Trenchcoat, dunklem Schnauzer und unverwechselbarer Stimme – ein Amerikaner in Paris, geboren in Wien, als Jude vor den Nazis durch, halb Europa geflohen und nach dem Krieg aus den USA zurückgekehrt auf den alten Kontinent; ein gelernter Buchbinder und Student der Anglistik und Theaterwissenschaften, einer, der Theaterdichter hatte werden wollen („Ich wollte immer Schnitzler werden“) und als Reporter berühmt wurde.

Ja, er sei für das „Pariser Journal“ geliebt worden, sagt Troller und läßt doch keinen Zweifel daran, daß er gut zehn Jahre nach der letzten Sendung nur zu gern Abstand gewinnen würde von dem bekannten „Joumal“-Bild. Das sei doch nur eine Art Fingerübung gewesen für das, was er jetzt mache und noch machen wolle, erklärt er und weist auf die Personenbeschreibungen und literarischen Features, die er seit 1971 für das ZDF macht – wie jetzt auch seinen gerade abgedrehten Film über eine der großen Frauen dieses Jahrhunderts, die 1943 gestorbene Schriftstellerin und Philosophin Simone Weil.

„Warum interessieren einen Menschen wie Simone Weil auf einmal?“ fragt sich der Interviewer Troller im Verlauf unseres Gesprächs und stellt später fest: „Der Einsatz für eine Idee, eine Lebensvorstellung ist doch immer etwas Echtes – und das hat mich bei der Simone Weil natürlich absolut fasziniert. Sie hat versucht, die zwei Hauptdenkweisen unserer Zeit, die marxistische und die religiöse, in sich zum Einklang zu bringen. Und sie hat diesen Konflikt ausgetragen, nicht wie einen Ideenkrieg, sondern sie hat alles ausleben müssen – das war ihre Art, Probleme auszutragen.“

Auch bei Liv Ullmann, Peter Handke, Lindsay Kemp, Charles Bukowski oder Richard Bach, Flieger und Autor der „Möwe Jonathan“, fand er diese Haltung, dieses Ausleben der eigenen Überzeugung – „und das sind auch die Leute, die ich für meine Filme suche. Sie sind wahnsinnig schwer zu finden – wenn Leute Gedanken haben, haben sie die meist nur im Kopf. Aber ich muß jemand haben, der seine Ideen lebt – und sobald er das tut, ist er für mich interessant.“

Die Suche nach ihnen: der langwierigste Teil seiner Arbeit. „Und diese Mühe wird immer größer. Während ich früher immer ein halbes Dutzend Personen zur Auswahl hatte, weiß ich heute, obwohl ich in ein paar Monaten drehen muß, noch nicht wen.“ Früher sei er allerdings auch sehr viel schneller zufrieden gewesen. „Wenn einer nur pittoresk war, habe ich zugegriffen – heute reicht mir das noch lange nicht. Während mir früher die Leute unverständlich waren und, ich oft Geheimnisse in sie reingedeutet habe, erkennt man sie jetzt schneller und leichter – und stellt fest, daß einen die meisten dann nicht mehr so interessieren, weil man weiß, was herauskommt.“