Viele tolle Geschichten, Riesenmärchen, totschlaglaunig/uralte Sagen aus Norweg“ – 1825 versetzte die Nordsee, diese „Mutter der Schönheit“, den Poeten Heinrich Heine in Verzückung. Heute ist sein „silbergraues Weltmeer“ ein Fall für die Schlagzeilen. Es ist „fünf Minuten vor zwölf“, warnt die „Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste“: Tonnenweise Öl, Müll und giftige Industrieabfälle machen Europas Klärwerk zur gigantischen Kloake.

Aus Flüssen und Häfen, Bohrlöchern und Tankern strömen jährlich allein rund 400 000 Tonnen Öl in die Nordsee, schätzt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Am Jahresanfang warf die Flut Tausende Vogelkadaver an die deutschen Küsten – Ölpestopfer. Die Havarie eines einzigen Großtankers würde genügen, den empfindlichen Saum der See, das Wattenmeer, unter einem tödlichen Teerteppich zu ersticken.

Über 100 000 Schiffe pflügen jährlich durch das Meer zwischen Ärmelkanal und Skagerrak, eine halbe Milliarde Tonnen Rohöl und Erdölprodukte werden jedes Jahr auf dieser weltweit meistbefahrenen Meeresregion verschifft. Die Unfallquote ist dementsprechend: Die Hälfte aller Kollisionen von Schiffen mit mehr als 500 Bruttoregistertonnen ereignet sich in der Nordsee – im Durchschnitt zwei pro Jahr, bei denen Öl ausfließt. Da alle deutschen Seehäfen, darunter Wilhelmshaven, der größte heimische Ölumschlagplatz, nur über schmale Fahrrinnen durch das Watt anzulaufen sind, erhöht sich die Havariegefahr für Tanker um ein Vielfaches.

Dreck aus allen Rohren

Doch auch ohne Schiffbruch leisten die Ölpötte ihren schmutzigen Dauerbeitrag zur Oko-Katastrophe auf See. Ungeniert, weil unkontrolliert, waschen Kapitäne die Tanks ihrer Schiffe und lassen die schmierige Brühe vor den Küsten zu Wasser; erlaubt ist derlei Reinemachen nur außerhalb einer 50-Meilen-Zone. Die Schiffer ersparen sich so die Kosten fürs Abpumpen der Ölrückstände – und in aller Regel auch Ärger mit den Umweltbehörden.

Für treibendes Rohöl aus den fast 200 Bohrlöchern in der Nordsee kann bislang überhaupt niemand zur Rechenschaft gezogen werden. Seit 1979 pumpen Norweger und Engländer jährlich rund 125 Millionen Tonnen Öl aus dem Meeresgrund. Was davon auf den Bohrinseln und an den Pipelines, die das Öl über Tausende Kilometer in die Raffinerien der Anrainerstaaten leiten, verschütt geht (schätzungsweise 2000 Tonnen pro Jahr), hat seit dem Beginn der Nordsee-Ölförderung jedenfalls zu einem drastischen Anstieg des Vogelsterbens geführt.

  • Greenpeace führt den größten Teil der Nordsee-Ölverseuchung – 71 Prozent – auf „Abwässer und Landeinträge“ zurück. Seetransporte tragen in dieserRechnung mit 25 Prozent zur Meer-Malaise bei; fast nichts hingegen die Ölförderung auf See: weniger als ein Prozent.
  • Reinhard Ganten, der Chef des Londoner International Oil Pollution Compensation Fund, einer Organisation, die Opfer von Tankerunfällen mit Millionensummen von Ölgesellschaften aus 26 Ländern finanziell entschädigt, hat errechnet, daß „nur fünf Prozent des Öls im Meer von Schiffsunfällen stammen“. Hauptverschmutzer seien Pipelines und Bohrinseln, die keinerlei Vertrag zur Sauberhaltung der Nordsee verpflichte.
  • Der Helgoländer Vogelkundler Gottfried Vauk konnte 1982 nur bei zwei von 15 Proben, die dem Gefieder toter Vögel entnommen wurden, unzweideutig ausschließen, daß die verhängnisvolle Brühe Nordseeöl war.