Eigentlich kommt keine der Nachrichten überraschend: Die Verluste des Volkswagenkonzerns in den USA (siehe Seite 17 „Rabbit im Rückwärtsgang“) haben sich schon im vorigen Jahr angekündigt; die Büromaschinentochter Triumph-Adler kostet wie erwartet auch in diesem Jahr wieder viel Geld; nach niedrigen Gewinnen im Vorjahr war schon im Herbst 1982 so gut wie sicher, daß die Aktionäre wohl nicht mit einer Dividende rechnen könnten. Nach dem Abschluß der Tarifrunde mußte über kurz oder lang – wie jedes Jahr – eine Preiserhöhung folgen; VW begnügt sich jetzt mit 2,8 Prozent.

Unerwartet kam wohl nur der Tarifabschluß: Hier legte VW vier Prozent zu. Aber auch diese Zahl fällt nur auf den ersten Blick aus dem Rahmen, denn die neuen Löhne gelten für fünfzehn Monate; auf ein Jahr umgerechnet entsprechen die vier Prozent den 3,2 Prozent, die auch anderswo mehr gezahlt werden. Der neue VW-Chef Carl H. Hahn, seit Januar 1982 im Amt, könnte also eigentlich ganz zufrieden sein, Das schlechte Ergebnis des vorigen Jahres war bereits programmiert, als er in Wolfsburg das Ruder übernahm; langfristige Konzernstrategien wie der Aufbau einer eigenen Produktion in Amerika oder die Übernahme eines neuen Geschäftszweiges wie Triumph-Adler stammen von seinen Vorgängern und lassen sich nicht kurzfristig beeinflussen. Tarifabschluß und Preiserhöhung, die einzigen kurzfristigen Entscheidungen, blieben im Rahmen.

Dennoch aber bekamen die Wolfsburger eine schlechte Presse, dennoch findet VW seit Wochen keine Gnade in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen.

Denn die Lohnerhöhung bei VW liegt zwar rechnerisch im Rahmen der Metallindustrie; mit den vier Prozent von Wolfsburg jedoch ließ sich in den Tarifverhandlungen trefflich streiten. Die Dividende für 1982 fällt aus, weil vor allem in den USA Verluste gemacht wurden. Wenn die deutschen Arbeiter, die daran nun wirklich nicht beteiligt sind, mehr Geld bekommen, hat beides zwar nichts miteinander zu tun; aber für eine Polemik reicht es allemal.

Und wenn der Opel Kadett in den ersten Monaten dieses Jahres den VW Golf vom Spitzenplatz bei den Neuzulassungen verdrängt hat, dann liegt das daran, daß im Herbst ein neuer Golf auf den Markt kommt; aber dieser „Absatzverlust“ kann als Argument dienen, um die Preiserhöhung zu verurteilen.

Das Management und der Aufsichtsrat von VW haben in den letzten Wochen nichts anderes getan als ihre Pflicht – und eben das war ihr Fehler. Denn es genügt für einen großen Konzern nicht, eine schlechte Nachricht zu veröffentlichen – man muß sie auch geschickt plazieren. Sonst kann aus lange bekannten Problemen rasch eine Krise konstruiert werden. dg