Ab im Jahr 1981 die SPD/FDP-Regierung das Künstlersozialversicherungsgesetz verabschiedete, war besonders bei den bildenden Künstlern und den Galeristen das Entsetzen groß. Denn das Gesetz, auf den Weg gebracht, um die von Fohrbeck/Wiesand in der 1974 publizierten „Künstlerenquete“ durchleuchteten „Freiberufler“ mit Kranken- und Altersversicherungen vor den schlimmsten sozialen Einbrüchen zu bewahren, schien als Bumerang konzipiert. Für die bildenden Künstler (12 000 hatte die „Künstlerenquete“ gezählt, von denen die Hälfte ausschließlich vom Verkauf ihrer Produkte lebte, also nicht als Kunstprofessor oder Zeichenlehrer abgepolstert war) sollten die Galeristen als ihre „Vermarkter“ den Anteil von 5 (zunächst waren auch 8 im Gespräch) Prozent des Verkaufspreises an die Soziallasse zahlen. Die Galeristen, die gerade mit der Kostensteigerung durch das „Folgerecht“ fertig zu werden suchten (5 Prozent Abgabe beim im wert

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gestiegenen Weiterverkauf eines Kunstwerks), sahen ihre Arbeit bedroht, überlegten Ausweichexistenzen. Aber nicht nur die Galeristen waren damals empört, auch die Künstler und Kritiker, die am besten wußten, daß dieser doppelte „Griff in die Händlerkasse“ genau denjenigen geschadet hätte, denen er hätte nützen sollen: den Künstlern.

Vom wirtschaftlichen Niedergang einer Branche, der daraus folgenden reduzierten Überlebenschance gerade der unbekannten zeitgenössischen Kunst und, schließlich, der Verödung der deutschen Kunstlandschaft war die Rede, nicht zu Unrecht.

Dem Insistieren gerade des „Bundesverbandes deutscher Galerien“ ist es aber zu verdanken, daß die die Bildende Kunst betreffende Regelung des Künstlersozialversicherungsgesetzes nun so ausgefallen ist, daß Bogislav von Wentzel, der 1. Vorsitzende des Verbandes, sie „die unter den gegebenen Umständen noch beste Lösung“ nennt (die für ihn und seine Kollegen freilich ein Übermaß an komplizierter, zusätzlicher Büroarbeit mit sich bringt). Der Großteil der Galeristen nämlich hat sich entschlossen, durch den Beitritt zu einer gemeinsamen „Ausgleichskasse“ und die Zahlung von 1 Prozent des Bruttojahresumsatzes aus Verkäufen der Kunst des 20. Jahrhunderts an diese Kasse das Folgerecht und die Künstlersozialversicherung pauschal abzugelten. Die Galerien leisten vierteljährliche Vorauszahlungen an diese Kasse (wobei die Berechnung ungefähr der Einkommensteuerveranlagung entspricht), die ihrerseits das Geld an die mit dem „Folgerecht“ betraute Verwertungsgesellschaft „Bild-Kunst“ und die Künstlersozialkasse übernimmt.

Daß durch diese Regelung nicht nur lebende deutsche Künstler für sich und ihre Kollegen zahlen, sondern auch die Toten und die Ausländer zur Kasse gebeten werden (warum eigentlich sollen Henry Moore oder Helen Frankenthaler auf dem Umweg über ihre deutschen Galeristen in eine Versicherung einzahlen, von der sie nie etwas erhalten werden?), ist eine Seltsamkeit am Rande, ist ebenso absurd wie die Tatsache, daß ich auf einigen amerikanischen Highways und italienischen Autostradas Benutzungsgebühr zahlen muß.

So schlecht also ist das Gesetz für die bildenden Künstler nicht. Aber wie gut, wie nützlich? Und: wie wird es aufgenommen von Leuten, deren Verachtung gutbürgerlicher Gewohnheiten fast zum Ehrenkodex gehört und deren Aversion gegenüber dem Räderwerk der Bürokratie auch dann notorisch ist, wenn diese möglicherweise zu ihren Gunsten eingreift?

Auf diese Fragen kann man jetzt noch keine Antworten geben. Denn obwohl das Gesetz seit dem 1. Januar dieses Jahres in Kraft ist, haben viele keine Ahnung davon. Und die Jüngeren und die Erfolgreichen haben auch keine Lust, sich eine Ahnung zu verschaffen, wollen, das liegt in der Landschaft des Volkszählungsboykotts näher denn je, die Sache nach dem Motto „gar nicht ignorieren“ behandeln. Interessiert sind die, die ohnehin schon Berufsverbänden angehören (und die rekrutieren sich in der Mehrzahl aus dem Mittelstand der Kunstszene), die ihrerseits Aufklärungs- und Propagandaarbeit für das Gesetz betrieben haben. Skeptisch und ablehnend sind die, die, Solidarität hin oder her, die Vereinsmentalität ebenso hassen wie das Fürsorgedenken. Der Gedanke an den Papierkrieg und die Vorstellung, nun statistisch erfaßt zu sein, geht jedem an den Nerv, für den das zwischen Risiko und Privileg angesiedelte, von den Zwängen der Bürgerlichkeit weitgehend verschonte Dasein nicht nur ein Lebensstil, sondern die Basis seiner Existenz als Künstler ist. „Eher fluchend und nicht begeistert – wenn sie mich reinprügeln, würde ich wohl mitmachen“: Kommentare wie diese beschreiben die Stimmung jener Minorität namens Künstler, deren schönster Aufenthalt nicht die von der Majorität der Bürger so überfrequentierte soziale Hängematte ist. „Die Kardinalfrage“, schrieb der Berliner Rechtsanwalt und Kunstenthusiast Peter Raue in einem skeptischen und gescheiten Kommentar in der Weltkunst, „ob es zum Selbstverständnis des Künstlers ‚paßt‘, altersversichert zu sein, hat der Gesetzgeber sich nie gestellt.“ Petra Kipphoff