Von Winfried Scharlau

Für die Vietnamesen ist der Krieg seit der Eroberung von Saigon im Jahre 1974 zu Ende. Das Gefühl, im Frieden zu leben, nicht mehr um das eigene Leben und das der Angehörigen bangen zu müssen, ist durch den Einmarsch in Kambodscha und die chinesische Strafexpedition in die Nordprovinzen nicht wesentlich beeinträchtigt worden. Vietnam erlebt den Frieden wie ein Geschenk.

1974, als ich Hanoi zum erstenmal besuchte, wirkte der Norden wie ein großes Feldlager, den Fremden abweisend, verschlossen, geheimhaltungssüchtig, geistig auf die Partei- und Propagandalinie fixiert. Es war ein Land, in dem ohne zu klagen lautlos gestorben wurde und jedwede Fröhlichkeit die Pietät zu verletzen schien. Mitfühlend verstand der Besucher, daß den Menschen angesichts der amerikanischen Kriegsmaschinerie das Lachen vergangen war.

Der Friede hat die Menschen entkrampft, hat sie aus einer schier endlosen, quälenden Anspannung befreit. Sie dürfen sich wieder menschliche Schwächen gestatten, die sie zwar weniger heroisch, aber dafür gelassener, natürlicher und sympathischer machen.

Noch immer sind die materiellen Verhältnisse dürftig. Vietnam ist ein armes, ein sehr armes Land, in dem die Menschen „sich durch die angestrengteste Arbeit höchstens das notdürftigste Auskommen verdienen können, und auch dessen nicht sicher sind“, wie es in einer klassischen Formulierung aus dem 19. Jahrhundert heißt.

Die Grundnahrung reicht zum Leben, und ein Dach schützt gegen Sonne und Regen. Der Rest ist Luxus: Kleidung, die über das Minimum hinausreicht, Nahrung, die als Genuß empfunden werden könnte, Heizung im Winter oder Kühlung im Sommer, und alles, was die körperliche Arbeit verringern und was andernorts als Entspannung, Unterhaltung oder Geselligkeit verstanden wird.

Auch acht Jahre nach dem Krieg mit Amerika hat sich der Lebensstandard nicht wesentlich verbessert. Der Fortschritt bewegt sich im Schneckentempo. Nur Hilfe von außen, die aber vom Westen wegen der Invasion nach Kambodscha zurückgehalten wird, könnte das Tempo beschleunigen.