Kritik in Kürze

von Armin Kerker

„Die grünen Augen“, Phantasiestücke von Gustavo Adolfo Manier. Bestrickend in ihrer Schlichtheit, betörend durch ihre Verbindung von Poesie und Phantasie, bezaubernd durch die bilderreiche melodiöse Sprache erweisen sich die „Prosalegenden“ (so der spanische Originaltitel) des spanischen Romantikers Gustavo Adolfo Becquer heute als ebenso lebendig wie vor III Jahren. Zentrales Thema der meisten Erzählungen ist die Liebe, verstanden als fatale Leidenschaft, die nur einen Ausweg kennt: den Tod. Bécquer schildert uns ein Reich der Phantasie mit edlen Rittern, bildhübschen Burgfräulein und feurigen Jünglingen. Aber auch die übernatürlichen Mächte sind allgegenwärtig: verführerische Nixen und goldgierige Gnome, verzauberte Rehe und lebendig gewordene Rüstungen, umherirrende Seelen, die vergangene Missetaten büßen. Friedhöfe, Grabkammern und Kirchen erinnern mahnend an die Versuchungen des Teufels und an das Leben nach dem Tode. Sobald der Mensch zu freveln beginnt, und sei es aus Liebe zu seiner Dame, und die Grenzen des Erlaubten überschreitet, folgt die Strafe. Nahezu unmerklich führt der Autor uns von der wirklichen in die übersinnliche Welt. In einem der schönsten Texte spielt die Orgel auch nach dem Tod des Organisten noch weiter und lehrt den eingebildeten Nachfolger das Fürchten. Als sich das unerklärliche, wundervolle Spiel in einer weiteren Christmette wiederholt, sieht die Tochter ihren verstorbenen Vater vor der Orgel sitzen und ist entsetzt. Niemand glaubt ihr, und bis zur Wandlung geschieht nichts Besonderes. „In diesem Augenblick ertönte die Orgel und zur gleichen Zeit wie die Orgel – ein Schrei der Tochter... ‚Seht ihn an! Seht ihn an!’ ...Jedermann starrte auf jene Stelle. Die Orgel stand verlassen da, und dennoch: die Orgel tönte noch immer ... tönte in einer Weise, die nur die Erzengel nachahmen könnten ... in den Verzückungen ihres mystischen Freudentaumels.“ Die Übertragungen von Fritz Vogelgsang sind kongenial und fangen die poetische Sprache des bei uns unbekannten großen spanischen Dichters spielerisch ein. Gustavo Adolfo Bécquer, der schon mit vierunddreißig Jahren starb, gilt zu Recht als großer Klassiker. Wir sollten ihn entdecken. (Aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang; Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 222 S., 26,– DM.) Michi Strausfeld

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„Verschlungenes Leben“, Roman von Sony Labou Tansi. Das Buch las ich um erstenmal im Original 1979 im verschlafenen Strandhotel von Brazzaville, die Silhouette des monströsen Kinshasa am gegenüberliegenden Ufer des Kongo vor Augen. Das Hotel war eine Händler- und Nuttenabsteige, und seitdem stelle ich mir Tansis Phantasiehotel „La vie et demie“ („Anderthalb Leben“), das dem Roman seinen Titel gab, immer ein bißchen so vor. („Verschlungenes Leben“ ist eine unglückliche, weil einschränkende und irreführende Titelwiedergabe des ansonsten vorzüglich übersetzten Buches.) Auch der „Führer der Vorsehung“, der in diesem alles Herkömmliche sprengenden Fabulierwerk des Kongolesen Tansi mordet, hurt, frißt, vernichtet und vernichtet wird, hat für mich Konturen nicht nur Idi Amins, Bokassas oder Nguemas, sondern auch des Ersten Bürgers und Führers der Nation Zaires, Mobutus und ähnlicher „unbescholtener“ Bürger auf dieser Erde. Henri Lopes („Die strafversetzte Revolution“), Freund und Mentor Tansis, hatte mich auf den Autor aufmerksam gemacht und mir die Lektüre des Romans dringend empfohlen. Tatsächlich ließe sich eine Menge Gemeinsames zwischen dem diplomierten Pädagogen, ausübenden Politiker und aktiven Schriftsteller Lopes und dem zehn Jahre jüngeren Englischlehrer und Literaten Tansi ausmachen. Nicht nur, daß beide in Zaire geboren wurden und im Kongo leben, daß beide schreiben und zu den großen Namen in der schwarzafrikanischen Literatur zählen, sondern auch ihre sehr verwandte geistige Haltung und Optik in dem, was und worüber sie schreiben. Nur folgerichtig also Tansis vorangestellte Widmung „für Henri Lopes, denn eigentlich hab’ ich bloß sein Buch geschrieben“. Mit der Einschränkung allerdings, daß Lopes’ meisterhaft bloßlegende Gesellschaftsanalyse dort aufhört, wo Tansis ungebändigte, phantastische Fabulierkunst anfängt. Eine Inhaltsangabe will ich mir ersparen, sie dürfte wohl auch nur schwer zu erbringen sein. Dafür sei dieser Roman jedem, den Titel-Thesen-Tendenzen-Experten afrikanischer Literatur besonders, als Lektüre angeraten. (Aus dem Französischen von Bettina Kobold; ECO-Verlag, Zürich, 1981; 184 S., 22,– DM.)

Armin Kerker

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.4.1983 Nr. 17
  • Schlagworte Sony | Roman | Kongo | Kinshasa | Stuttgart | Zürich
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