Wissenschaftliche Kongresse zeigen nicht immer nur den neuesten Stand der Forschung. Oft vermitteln sie auch Einblicke in Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Wissenschaftlern und einer mißtrauischen Öffentlichkeit. So war Anfang April bei einer Tagung mit dem Titel Genetic Manipulation: Impact on man and society in Köln zwar viel über die Möglichkeiten der Gentechnik zu hören, deren Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft wurden jedoch wie heiße Kartoffeln behandelt.

Wissenschaftler mit ihrer Kenntnis des derzeit Machbaren standen eher hilflos den sorgenvollen Fragen kritischer Laien gegenüber: Alpträume einer „Schönen neuen Welt“ gegen Mosaiksteinchen eines noch unvollständigen Bildes molekularer Vorgänge in den Zellen. Der Brückenschlag scheint unmöglich.

Dabei ist die Gentechnik auf der einen Seite nur die Fortsetzung alter Methoden mit anderen Mitteln. Schon seit Jahrtausenden manipuliert der Mensch Pflanzen und Tiere, um Ernteerträge und Fleischproduktion zu steigern.

Auf der anderen Seite hat die Gentechnik aber auch eine neue Qualität, die bislang ungeahnte Dimensionen eröffnet. Genmanipulierte Bakterien können als Grundstock einer Milliardenindustrie teure Naturstoffe herstellen, Umweltgifte vernichten und Rohstoffe abbauen – und tun dies auch schon. Genetisch veränderte Pflanzen werden gegen Schädlinge resistent und gedeihen auf unwirtlichen Böden. In wenigen Jahren können bestimmte Erbkrankheiten geheilt werden.

Der Geist der Gene ist also schon aus der Flasche. Riesenmäuse zeigen, dank eingeschmuggelten fremden Wachstumsgenen (siehe ZEIT Nr. 53/82), in .welche Richtung der Bio-Zug auch rollt: hin zur genetischen Manipulation befruchteter Eizellen und damit zum Eingriff in die Evolution. Fremde Gene, bislang mit einem „Schrotschuß“-Verfahren in Eizellen injiziert, können – falls sie ins Erbgut eingebaut werden – nämlich auch an die Ei- und Samenzellen des heranwachsenden Organismus und damit an die nächsten Generationen weitergegeben werden.

Die Mäuse-Manipulation schürt die Angst der Kritiker: Was bei Säugetieren in ersten Ansätzen bereits klappt, funktioniert theoretisch auch beim Menschen. Jedoch stehen die wissenschaftlichen Tatsachen solchen Ängsten bislang noch entgegen. Je tiefer die Forschung in die Geheimnisse des Lebens eindringt, um so komplexer erscheint dieses. Hinter einer genommenen Hürde bauen sich sofort neue Barrieren auf. Es scheint fast so, als ob das Leben in seiner Kompliziertheit selbst den besten Schutz vor seiner Manipulation böte.

Fest steht nämlich, daß es bislang noch nicht möglich ist, fremde Gene gezielt in das Erbgut einzubauen – eine unabdingbare Voraussetzung, wenn das fremde Erbstück funktionieren und nicht mehr schaden als nützen soll. Fest steht ebenso, daß menschliches Verhalten ebenso wie die Intelligenz nicht von einigen wenigen, sondern von sehr vielen Genen in Wechselwirkung mit der Umwelt herausgebildet werden.