Von Erwin Brunner

Wien, im April

Eigentlich ist er unübersehbar: bullig, gedrungen, mit klobigem Bauernschädel, ein ländlich-leutseliges Schwergewicht unverwechselbaren Zuschnitts. Doch an diesem Dienstag nach der Nationalratswahl bekam kaum jemand Fred Sinowatz zu Gesicht. Er hatte sich selber eine Sendepause verordnet – kein Fernsehen, keine Interviews, keine Erklärungen. Nur in der knapp einstündigen Sitzung des SPÖ-Vorstandes meldete sich – verhalten wie eh und je – der scheue Diener aus dem Schatten seines alten Herrn: nie habe er sich in dieses Amt gedrängt, dem Ruf der Partei werde er aber folgen.

Der Ruf der Partei war einstimmig, das Amt ist ihm auferlegt. Der burgenländische Sozialist Dr. Fred Sinowatz, seit 1971 Unterrichtsminister, seit zwei Jahren Kreiskys Vize, wird Österreichs nächster Bundeskanzler. Ohne Zaudern, mit erleichterter Gelassenheit, erkor Bruno Kreisky seinen massigen Dauphin zum Nachfolger und gab ihm dickes Lob mit auf den Weg. Väterlich pries er die „menschliche Breite und Gesinnungsfestigkeit“ seines Mustergenossen: „Er hat ein ausgleichendes Wesen, er kann verhandeln – mit ’n Sinowatz kann jeder.“

Nachdem die österreichischen Sozialisten am vergangenen Sonntag ihre absolute Mehrheit im Wiener Parlament verloren haben, muß der umgängliche Kanzlerkandidat nun auch mit vielen „können“: mit Parteien nämlich, die ungeduldig auf eine Teilhabe an der Macht warten. Nach dreizehn Jahren sozialistischer Alleinregierung drängen die österreichische Volkspartei (ÖVP) und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) lautstark an die politischen Hebel der Alpenrepublik.

Mit ihren nurmehr 90 Mandaten (ein Stimmenverlust von 3,2 Prozent) muß sich Kreiskys gestrauchelte SPÖ nach einem Koalitionspartner umsehen. Die konservative ÖVP des Alois Mock – er konnte mit einem Stimmengewinn von 1,3 Prozent die Anzahl der ÖVP-Mandate von 77 auf 81 steigern – kommt jedoch kaum in Frage: Zu groß sind die Animositäten zwischen den Großparteien, und zumal Bruno Kreisky ist auf „die Herren der ÖVP“ nicht gut zu sprechen. Er favorisiert die FPÖ des Anwalts Norbert Steger, die – dank der Unwägbarkeiten österreichischer Wahlarithmetik – trotz eines Stimmenverlustes von einem Prozent zu ihren bisher elf Mandaten ein zwölftes hinzugewinnen konnte.

So zweifelt denn kaum jemand, daß Sinowatz Kreiskys Wunsch verwirklichen wird: Eine rotblaue Koalition von Sozialisten und Freiheitlichen, die unter sozialistischer Führung den „österreichischen Weg“ in die achtziger Jahre markieren soll. Die Weichen hat der alte Herr vom Ballhausplatz schon lange mit Bedacht gestellt. Ex-Finanzminister Hannes Androsch und den smarten Wiener Bürgermeister Leopold Kratz, die allzu forschen roten Kronprinzen, bugsierte Kreisky auf halber Strecke unerbittlich aufs Abstellgleis. Die profilierungssüchtige FPÖ hielt sich der alte Fahrensmann Kreisky mehr als ein Jahrzehnt lang mit Zuckerbrot und Peitsche als möglichen Mehrneitsbeschaffen warm. Und mit seinem Unterrichtsminister Fred Sinowatz holte er sich einen ebenso populären wie unumstrittenen Genossen an die Seite: Anfang 1981 ernannte er den rundlichen Burgenländer zum Vizekanzler, im Januar 1983 erkor er die „Dampfwalze in Samt“ (Weltwoche) zu seinem Nachfolger, falls die SPÖ ihre absolute Mehrheit verlieren und eine Koalition unumgänglich werden sollte.