Die Chemie kann auf viele gefährliche Stoffe verzichten

Von Richard Gaul und Wolfgang Gehrmann

So richtig geschlossen waren die Reihen der deutschen Chemieindustrie diesmal nicht. Voller Furcht, daß durch den Skandal um das verschobene Seveso-Supergift Dioxin die Branche wieder als Umweltsünder gebrandmarkt würde, ging der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hastig auf Distanz. Man sei „von den Vorgängen um den Verbleib der Abfälle aus Seveso nicht direkt betroffen“, tickerte der VCI am 19. April in die Welt: „Der Abfallort für die Abfälle hegt in Italien, die Muttergesellschaft des dortigen Chemieunternehmens ist eine Schweizer Gesellschaft.“

Durchaus betroffen vom Dioxin-Skandal zeigte sich indes der drittgrößte deutsche Chemiekonzern, Bayer in Leverkusen. Einen Tag nach der VCI-Depesche gab der rheinische Multi per Telex bekannt: „Die Bayer AG stellt ihre bisherige Produktion an polychlorierten Biphenylen (PCB) im Laufe des Jahres 1983 ein.“

PCB gilt den Umweltschützern seit Jahren als Schreckensformel. Die Chemikalie dient als Weichmacher in Kunststoffen und als schwerbrennbares Zusatzmittel für Lacke. Sie steckt als Hydraulikflüssigkeit in Bremsanlagen und Bulldozern, kommt als Kühlmittel in Klimaanlagen und als Isolierflüssigkeit in Transformatoren vor – kurz: Sie dient zu Hunderten von Zwecken in der Welt der Technik. Auf Hunderten von Wegen gerät der Stoff deshalb in den Müll der Industrie. Wird PCB aber hoch erhitzt, entsteht ein starkes Gift, das ein naher chemischer Verwandter des Seveso-Dioxins ist. Die Schlote deutscher Müllöfen schicken diese Pest seit Jahrzehnten in feinsten Konzentrationen übers Land.

Daß Bayer die heikle Chemikalie gerade jetzt bannt, ist dem heilsamen Schock des Dioxin-Skandals zu verdanken. Der Konzern hat begriffen, was all den Amateurdetektiven, die derzeit Europas Klippen nach Hoffmann-La Roches Giftfässern durchsuchen, noch nicht ganz aufgegangen ist: Daß die üblen Relikte der Seveso-Explosion unauffindbar sind, ist eigentlich eine Lappalie.

Viel heikler ist, daß die Chemieindustrie überhaupt mit etlichen Giften wie Dioxin umgeht. Gefährliche Stoffe sind in Pflanzenschutzmitteln, die Großbauern und Schrebergärtner gleichermaßen auf Äcker und Beete geben. Gifte können in Holzglasuren für Hobbybastler sein, in Plastikbeuteln und Reinigungsmitteln, in Kunststoffböden und Batterien. Vor allem aber bei der Produktion in den Chemiefabriken fallen gefährliche Verbindungen als Zwischenprodukte und Abfälle an. Spuren dieser Gifte gelangen permanent, und ohne daß es einer Katastrophe wie in Seveso bedarf, in die Umwelt.