Beachtlich

„Der Besucher“ von Orlow Seunke ist eine Zukunfts-Vision, die auf spektakuläre technische Tricks verzichtet. Statt dessen zeigt der holländische Film, der 1982 auf dem Festival von Venedig als bestes Erstlingswerk mit einem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde, ein wenig umständlich und überdeutlich eine total verwaltete Gesellschaft, in der Bürokraten routiniert und gefühlslos Menschenschicksale als „Fälle“ verbuchen. Spannend wird der Film, als einer dieser Funktionäre, der „Besucher“, auf ein 14jähriges Mädchen trifft, das die verstorbenen Eltern völlig verwahrlost zurückgelassen haben. Das Kind hat sein Leben bisher in einem Schrank gefristet, kann nicht laufen und sprechen. Der Sozialarbeiter entdeckt plötzlich bei sich lange verschüttete Gefühle. Er läßt sich auf das Mädchen ein und gerät dadurch in eine Krise. Für seine Behörde wird er nun selber zum „Fall“. Die Parabel über persönliches Engagement in einer anonymen Gesellschaft wird durch die Leistung der Darsteller interessant: allen voran Dorijn Curvers als Findling Anna. Bodo Fründt

Zynisch

„Nur 48 Stunden“ von Walter Hill. Um ein sadistisches Killer-Duo in San Francisco zur Strecke zu bringen, holt ein hünenhafter weißer Bulle (Nick Nolte) einen schmächtigen schwarzen Banditen (Eddie Murphy), der als Ex-Kumpan der beiden noch sechs Monate abzusitzen hat, für 48 Stunden aus dem Knast – womit die Gangster-Jagd der zwei ungleichen „Partner“ beginnt. Daß Walter Hill als einer der besten Action-Regisseure des amerikanischen Kinos gilt, hat zu tun mit seiner Methode, traditionelle Genre-Muster zu existentiellen Parabeln zu formen („Ein stahlharter Mann“, „Driver“, „Die Warriors“). Sein sechster Film (sein fünfter, die Vietnam-Paraphrase „Southern Comfort“, hat leider hierzulande nie den Weg ins Kino gefunden), der auf den ersten Blick nur als eine besonders gewalttätige „cops & robbers“-Story erscheinen mag, ist allerdings nicht allegorische Parabel, sondern eine so perfekte wie perfide Variation zweier Polizei-Thriller von Don Siegel: „Madigan/Nur 72 Stunden“ und „Dirty Harry“. Hill zeigt den komischen Kontrast zwischen dem derben, knorrigen, verwahrlosten Gesetzeshüter (dessen Kleidung so dreckig ist wie sein Kampfstil) und dem charmanten, eleganten, gerissenen Ganoven (der im Giorgio-Armani-Anzug lieber seiner aufgestauten sexuellen Enthaltsamkeit freien Lauf lassen möchte). Mit rasantem Zynismus schafft Hill eine clevere, satirische Kombination aus Action-Komödie, Straßen-Western und „Macho“-Märchen: „Dirty Harry meets Superfly“.

Helmut W. Banz Mittelmäßig

„Der Kämpfer“ von Alain Delon ist nach „Rette deine Haut, Killer“ (1981) der zweite Film, in dem Delon (Produzent, Co-Autor, Hauptdarsteller) auch selber Regie führt. Seine Absicht war es, „an die Tradition der Gangsterfilme anzuknüpfen, in einem rasanten Actionablauf Spannung, Kämpfe, Liebe und Humor miteinander zu verbinden und dabei ... eine ganz besondere Atmosphäre zwischen Realität und Poesie zu schaffen“. In dieser Story vom vorzeitig entlassenen Gangster, der die Früchte seines Coups kassieren will und dabei von der Polizei bedrängt und von einer gegnerischen Gangsterbande gnadenlos gejagt wird, stehen für „Spannung, Kämpfe“ einige abrupte Gewaltakte und für „Liebe und Humor“ Betthupf-Szenen und ein müder „Columbo“-Joke. Die Tradition ist à la Deray und nicht à la Melville und das Resultat entsprechend: monotones Gebrauchskino aus der Retorte, ohne Atmosphäre. Aufschlußreich ist allenfalls die Manie, mit der Delon in seinen letzten Filmen ein paranoides Universum (jeder ist schuldig oder zumindest verdächtig) konstruiert, wo der Held, umgeben von Feinden, falschen Freunden und Verrätern, die Sünden der anderen (Denunziation, Justizirrtum) erdulden muß und stoisch auf sich nimmt. Melville-Deray-Delon: vom Ritual zur Routine oder vom eiskalten Engel zum professionellen Masochisten. Helmut W. Banz