Zweitausend Jahre Geschichte haben Xanten melancholisch gemacht

Von Benedikt Erenz

Apart, apart, das mit dem X! Muß einer mal draufkommen. Welche Stadt fängt schon so an? Wer je Stadt-Land-Fluß gespielt hat, weiß das. Und dann die Lage. Ziehen Sie mal den Pappelvorhang ein wenig zur Seite: Na bitte! Purer Niederrhein, nichts als Fläche, Weiden, Weizenfelder, lange Reihen Krüppelweiden, Pappelfluchten. Die Ebene dehnt sich so weit, daß der Horizont gar nicht mehr mitkommt, die Ränder verschwimmen, Konturen ermüden. Sie seufzen? Sie werden melancholisch.

Plötzlich: eines Riesen Krone, eine neckisch gezackte Narrenkappe aus Stein, verloren im Rübenacker – der Dom in der Ferne. Gehalten vom Band der halb wiederaufgerichteten Stadtmauer zeigt sich, die Silhouette der Stadt: Windmühlenflügel, das Mützchen der Kartause, die Helme des Klever Tores, die Zwillingstürme der Kathedrale, weichgezeichnet gegen einen porzellanweißen Himmel. Ein Schwarm Vögel um die Spitzen, ein wenig verwischt. Das macht der feine Milchnebel der niederrheinischen Landschaft, sommers und winters, wie man es von den Bildern der holländischen Meister kennt und denkt: müßte mal wieder frischer Firnis drauf! Matte Farben, Ziegelbraun, Tuffsteingrau, schläfriges Taubengurren in der steinernen Takelage des Doms, alle Viertelstunde aufgeschreckt von den Glocken.

Der Rest ist Kleinstadt: Xanten, Kreis Wesel, im nordwestlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens, dreißig Kilometer vor der holländischen Grenze.

Nein, keine Gegend für Sanguiniker.

Was mögen die Römer empfunden haben, von Italien hierher abkommandiert? Plinius der Ältere zum Beispiel, der große Naturgeschichtsschreiber? Oder Tiberius, der hier im Auftrag des Augustus für Ordnung sorgen sollte? Sonderbar wird ihnen zu Mute gewesen sein, bei Betrachtung der dicken holländischen Wolken, und gelangweilt werden sie sich haben unter den tumben Sugambrern und Cugernern und ganz ohne circenses!