ARD, Sonntag, 24. April: „Die Hanseaten der DDR – Ansichten aus Stralsund“, ein Bericht von Olrik Breckoff

Höchst ärgerlich, die Schlamperei: da fährt ein Mann vom Range Olrik Breckoffs nach Stralsund, Photographien mit seinem Team Baudenkmäler, Segelboote, Werftarbeiter und Künstler, beobachtet Protestanten beim Gottesdienst, spricht mit Managern, Anglern, Schülern und (privaten) Bauherrn, lädt freundliche, ein mustergültiges Hochdeutsch redende DDR-Bürger vor die Kamera, läßt sie so freimütig reden, wie sie’s, allen Löwenthals und Bild-Redakteuren zum Trotz, halt gewohnt sind – und was macht er aus alledem? Ein Sammelsurium von wahllos aneinandergereihten Impressionen: belichtetes Material, beliebig zusammengestellt.

Gedankenanstrengung? Bemühung, das Gesehene unter bestimmten Aspekten zu ordnen? Eine Konzeption, die den Details ihren Stellenwert im Rahmen eines Gesamt hätte zuweisen können? Vorüberlegungen, die darauf abzielten, die fatale Gleichung „Die Summe zufälliger Bilder wird schon irgendwie ein Ganzes ergeben“ in Frage zu stellen? Nichts von alledem. Die Herren kurbelten drauflos und filmten ab, was ihnen vor die Linse geriet.

Und so kam man denn von den Rowdies (ein einziger Satz, sinn- und funktionslos) auf die Reprivatisierung, von al-Skatspieler, Bechern auf zeitgenössische Skatspieler, von schwedischen Urkunden auf heutige Maler, von den Fischen auf die Rente und von den Briketts beziehenden Hausgenossenschaften auf die Jugend, die ihre Fragen stellt. Da alles gleich wichtig war, der Fischfang und die innere Emigration, das Stralsunder Kartenspiel und das sich Durchwursteln unter widrigen Verhältnissen, war, am Ende, das eine so bedeutungslos wie das andere.

Statt sich einem Ciceronen anzuvertrauen, der die Zuschauer in Geschichte und Gegenwart der alten Hansestadt anführte, mit ihrem lübischen Stadtrecht, ihrem Kampf gegen die Fürsten von Rügen, ihren Handwerken und Fabriken, stocherte Breckoff lustlos und uninformiert im Nebel herum: der Stadt, ihrem liberalen Geist und ihrer unprovinziellen Bürgerschaft durchaus zugetan; aber was nützt das schon, wenn einer an seine Aufgabe so unvorbereitet herangeht wie er?

Daß Skatspieler muntere Reden führen und Angler sich darüber verbreiten, warum früher alles viel besser gewesen sei; daß das Verhältnis zwischen Staat und Kirche spannungsreich, aber korrekt ist; daß Menschen sich hoch verschulden, um alte Gebäude instandzusetzen: nun ja, so etwas gibt’s allerorten, und typisch stralsundisch ist es gewiß nicht. Aber gerade darauf wäre es angekommen: inmitten des Austauschbaren und Allgemeinen das Unverwechselbare und Konkrete ins Blickfeld zu rücken – das, was den Leuten in dieser Stadt das Gefühl gibt: Hier, und nirgendwo anders, bist du zu Haus.

warum? Wegen der Weite des Meeres, des Erbes einer großen Geschichte, des Polis-Erlebnisses, wie es Menschen häufig in überschaubaren und dabei historisch besonders ausgezeichneten Gemeinwesen haben? Darüber hätte der Betrachter am Bildschirm gern verbindlich Auskunft erhalten: kein Wunder, daß er sich geprellt vorkam beim Anschauen eines Films, in dem die Zufallsausbeute einer Reise nach Pommern, ohne erkennbare Konzeption und Materialgliederung, betextet wurde. Rollen abgespult und ein paar Sätzchen darunter gelegt. Geschnitten und verschnitten, daß es mir weh tat: in Stralsund, hieß die Devise, paßt alles zu allem.