Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun also verläßt Bruno Kreisky das Palais am Ballhausplatz, in dem alle österreichischen Kanzler seit Maria Theresias Tagen amtiert haben – von Kaunitz über Metternich bis zu Dollfuß, der dort am 25. Juli 1934 ermordet wurde. Er ist der letzte in der Reihe der großen Staatskanzler, nur ist sein Reich kein Imperium mehr, sondern der kleine österreichische Alpenstaat. Aber er selber ragt wie aus alluvialen Schichten hinein in unsere Zeit bürokratisch organisierter Zweckverbände.

Kreisky war nicht ganz sechs Jahre alt, als Kaiser Franz-Joseph zu Grabe getragen wurde. Mit ehrfürchtigem Staunen betrachtete der Knabe damals die vielen Pferde mit den schwarzen Schabracken und die bunten Uniformen der Offiziere, die den Trauerzug durch die Straßen Wiens begleiteten. Er hat noch einen Hauch zu spüren bekommen von jenem 600jährigem Reich, das Völker vieler Sprachen und Gläubige der drei großen Religionen vereinte. Etwas von der Urbanität der Habsburger und der Weite des Reiches hat er in die Kleinbürgerlichkeit des Sieben-Millionen-Staates eingebracht. Dies findet nun ein Ende.

Gewiß wird sich nichts an der liebenswerten Art dieses so musischen und humanen Volkes ändern: Die Österreicher haben mit bewundernswerter Hilfsbereitschaft und ohne Klagen die Flüchtlingsströme aufgenommen: die Ungarn, Tschechen, Polen. Aber ohne Kreisky wird das Walten am Ballhausplatz anders sein.

Das Einzigartige war ja die Kombination eines kleinen Staates, der niemanden bedroht, weil er machtpolitisch keine Ambitionen hat, mit einem Regierungschef, dessen weltpolitischer Instinkt und dessen Gespür für Menschen, Nationalitäten und Geschichte all seinen derzeitigen Kollegen in Europa und anderwärts turmhoch überlegen ist. Für viele politisch Interessierte war es stets ein Vergnügen, Kreisky zu sehen: eine tour d’horizon mit ihm zu machen, seine Ansicht zu hören, ihn als Mittler oder Nachrichtenquelle in Anspruch zu nehmen – Russen kamen und Amerikaner, Araber und Israelis, Politiker und Wirtschaftsleute.

Bruno Kreisky war Wegbereiter und Weichensteller. Er hat viele Tabus gebrochen. Nie hat er sich gescheut, die Sowjetunion zu kritisieren oder die Amerikaner; er trat für Menschenrechte in den östlichen Nachbarstaaten genauso ein wie für die Entrechteten im Nahen Osten oder in Südafrika. Er hat die Israelis kritisiert, weil sie ihre moralische Integrität im Libanon verspielt hätten – sie nannten ihn dafür einen Verräter. Die amerikanische Polen-Politik bezeichnete er als töricht, und vor ein paar Tagen ist er noch einmal mit großer Leidenschaft für die in Washington geächtete Entspannungspolitik eingetreten: „Ich halte Entspannungspolitik für die effizienteste Friedenspolitik. Als Ghaddafi in Österreich zu Besuch war und dann auch noch von Wien aus die amerikanische Politik und Präsident Reagan persönlich heftig angriff, haben sich viele im Westen über den Gastgeber entrüstet; den so Geschmähten focht das wenig an.

Kreisky stammt aus altem großbürgerlich-jüdischem Geschlecht – ein Vorfahre war Leibarzt bei Wallenstein, Vater und Großvater waren Industrielle. Er hat früher als andere Yassir Arafat empfangen und damit das Verständnis für die Probleme der aus ihrer Heimat vertriebenen Palästinenser geweckt und den Weg für die Anerkennung der PLO geebnet. Der Ärger, den er sich dafür bei vielen Juden in der Welt, aber auch bei den radikalen Arafat-Gegnern im PLO-Lager einhandelte, hat ihn nie gestört. Seine Souveränität und Unabhängigkeit waren um so bewundernswerter, als er sie ohne Aufhebens praktiziert hat: gelassen, ruhig, selbstverständlich.