Von Günther Mack

Ohne sonderliche Dringlichkeit hatten die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik vor vier Jahren ein Leitwort zur Friedensthematik ins Auge gefaßt. Doch unter dem Druck der nationalen und internationalen Debatte über Nachrüstung und atomaren Holocaust gewann das Unternehmen eigene Dynamik. Zwar wird glaubwürdig versichert, die Deutsche Bischofskonferenz habe nicht erst im Sog der säkularen und protestantischen Friedensbewegungen zu handeln begonnen. Tatsache ist, daß die eher defensiv-abwartende Haltung im katholischen Spitzenklerus spätestens im vergangenen Jahr umschlug in die Einsicht, daß ein wegweisendes, ein mutiges Wort der Kirche unumgänglich geworden sei.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 1981 in Hamburg hatte bereits die protestantischen Kirchen voll mit der Friedensthematik konfrontiert. Der Katholikentag 1982 zeigte dann, daß auch erhebliche Teile der katholischen Kirche von gleichen Sorgen und Ängsten erfaßt worden waren. Zu diesem Zeitpunkt war die Gefahr deutlich, daß über diese Frage die verschiedenen Flügel und Lager der katholischen Kirche aneinander geraten könnten. Da gleichzeitig andere Bischofskonferenzen in anderen Ländern Hirtenworte zu Frieden und Abrüstung vorbereiteten, die sich zum Teil kritisch mit der bislang in katholischen Kreisen wenig strittigen Ethik der Abschreckung befaßten, war von den Oberhirten auch darauf zu achten, daß die deutschen Katholiken nicht den Anschluß an Entwicklungen in der Weltkirche verlören, zumal Rom in diesen Fragen ohnehin weiter voraus war, als in der Bundesrepublik gewöhnlich wahrgenommen.

Im Herbst 1982 erhielten die Theologen Franz Böckle, Karl Karteige und Karl Lehmann den Auftrag, den Text einer katholischen „Friedensdenkschrift“ zu. entwerfen. Ihr Text, Anfang 1983 fertiggestellt und redaktionell überarbeitet, stand im Mittelpunkt der im Februar in Trier tagenden Vollversammlung der Bischöfe. Sie weiteten durch zahlreiche Zusätze das ursprüngliche Manuskript drastisch aus und schickten es zur internen Erörterung an die 22 Diözesen. Eine Flut weiterer Anregungen wurde zur Endfassung verarbeitet, die in dieser Woche von Kardinal Höffner in Bonn der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Wie sehr sich das politische Bewußtsein im Blick auf die Friedensthematik auch in der katholischen Kirche verändert hat, wird nicht nur daran deutlich, daß der einst umstrittene Gedanke Egon Bahrs von der Sicherheitspartnerschaft der potentiellen Kriegsgegner im Hirtenwort auftaucht. Auch der traditionelle moraltheologische Ansatz einer Schadensbegrenzung im Krieg wurde zugunsten des entschiedenen Grundsatzes der Kriegsverhütung aufgegeben. Aufschlußreich ist auch die Rolle des oft als konservativ etikettierten Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Höffner, dem nachgerühmt wird, manche ängstliche Amtsbrüder umgestimmt zu haben.

Herausgekommen ist dabei ein entschiedenes Hirtenwort, das so von manchen kaum befürchtet, von vielen Mitgliedern der Friedensbewegung sicher nicht erhofft worden ist. Seine Wirkung kann nur zum Teil mit dem psychologischen Nebeneffekt erklärt werden, daß gemäßigte Einlassungen konservativer Institutionen fast automatisch progressiv erscheinen. Die katholischen Bischöfe haben vielmehr in der Sache selber klare Kriterien gesetzt.

Der Wechsel in Bonn hat ihnen dieses Unterfangen gewiß erleichtert; seit dem 6. März ist es für die Führung der katholischen Kirche nicht mehr nötig, aus Rücksicht auf wahlkämpfende Unionschristen vieles ungesagt zu lassen, was sonst als Schützenhilfe für die Ost- und Abrüstungspolitik der Sozialdemokraten hätte gedeutet werden können.