„Umweltkunst – Aufbruch in neue Wirklichkeiten“; „Expansion der Kunst – Beiträge zu Theorie und Praxis öffentlicher Kunst“, von Jürgen Claus. „Die individuelle Kultur ist zu Ende, ihre Institutionen erschöpft. Die gegenwärtige Aufgabe des Künstlers kann nur sein, eine zukünftige Massenkultur vorzubereiten.“ Dies ist die grundlegende These aus zwei Aufsatz-Bändchen von Jürgen Claus. Die beiden Schriften über die Ziele einer sich seit den fünfziger Jahren entfaltenden „öffentlichen Kunst“ greifen direkt in Diskussionen ein, die von der letzten „documenta“ oder auch der „Zeitgeist“-Ausstellung und der Biennale ausgingen (obwohl „Expansion der Kunst“ die aktualisierte Fassung einer vor zehn Jahren erstmals erschienenen Schrift ist). Die dort gezeigte Kunst beschreibt Jürgen Claus als „Spitzenkunst“, eine Kunst, die lediglich für diese Veranstaltungen produziert, vom Kunstmarkt und der Kritik protegiert werde. Von dieser unterschieden wird die „Basiskunst“, eine von Künstlern selbst organisierte als Stadtteilkunst oder Stadtkultur direkt in die Umwelt wirkende Kunstform. Hauptmerkmal dieser von Jürgen Claus auch praktisch vertretenen Kunstrichtung ist, daß sie die Wissenschaft und Technologie integriert und als Instrument zu deren Verständnis dienen will. Kunst soll helfen, dem technologischen und industriellen einen moralischen und psychischen Fortschritt zur Seite zu stellen. Die schwindende Naturwelt soll durch eine phantastisch vielfältige, vom Menschen gestaltete Umwelt ersetzt werden. In beiden Abhandlungen vertritt Jürgen Claus voller Engagement die von ihm selbst mitgestaltete „Kunst im Zwischenraum“ (er selber stellt submarine Strukturen, luftgefüllte Körper unter Wasser, her). Claus versucht, den Leser an die Standpunkte dieser neuen Ästhetik heranzuführen, Videokunst oder ein von Wissenschaft umgestaltetes Naturbild verständlich zu machen. Ja, er beschwört diese Kunst geradezu herauf. Gerade deshalb ist es auch schwer, diesen beiden Büchern gerecht zu werden. Auf der einen Seite steht der hohe Anspruch, eingefahrenes Sozial- und Erlebnisverhalten aufzubrechen; auf der anderen Seite das Streben, technologische und computergesteuerte Kunst zu einem neuen visionären Medium werden zu lassen. Wird hier nicht durch eine wissenschaftlich gefärbte Kunst-Belletristik die Technokratie zu einem neuen Dogma erhoben? Auffällig bei den von Claus zitierten Künstlern sind der große Theorieüberhang und die Flucht in extreme Bereiche wie Unterwasserwelt oder Mikrokosmos. In Wahrheit wird eine Kunst-Utopie entworfen. „Kunst als Weltplanung“ lautet eine These, die deutlich die idealistischen Tendenzen dieser Kunstrichtung ausdrückt. (Edition Interfrom, Zürich, 1982; 100 S., 14,–DM; Ullstein Kunstbuch 36069, Ullstein Verlag, Berlin, 1982; 175 S., Abb., 12,80 DM.)

Elke von Radziewsky