München: „Friedenszeichen – Kriegsmale“

Auch Künstler haben große Schwierigkeiten, sich einen Zustand vorzustellen, in dem Frieden nicht bloß als Abwesenheit von Krieg beschreibbar ist, Zeichen zu erfinden für eine mögliche andere Wirklichkeit. Offensichtlich lähmt die so oder so ideologisch motivierte, institutionalisierte Friedlosigkeit, die in sensibel reagierenden Menschen ein wachsendes Gefühl der Angst und Ohnmacht auslöst, die Phantasie – sie bleibt fixiert an die Schrecken des Krieges, die Künstler in immer neuen Visionen sich ausmalen. So ist die durchaus couragierte und engagierte Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler voll mit Kriegsmalen der einen oder anderen Art, die hinweisen auf den Widersinn und die Unvernunft bewaffneter Auseinandersetzungen, Friedenszeichen dagegen sind selten, Jürgen Claus beschwört den „Frieden in den Meeren“ (ein Verweis auf den Frieden zwischen Mensch und Natur als Voraussetzung allgemeinen Friedens), Jockel Heenes erinnert an den christlichen Friedenskuß. Warum es derart schwerfällt, das eigentlich Undenkbare zu denken, den Frieden nämlich, macht Franz Kochseder in dem Triptychon „(Un-)Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ deutlich: Zu sehen sind drei Männer, die sich verzweifelt Mühe geben, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu sagen, mit allen Mitteln also die Hinweise auf eine eventuell drohende Katastrophe zu verdrängen. Verdrängung und Angst (die in einigen Arbeiten thematisiert ist) hängen zusammen, vielleicht liegt in der Verbindung beider eine Wurzel dessen, was amerikanische Psychologen „numbness“ nennen: es handelt sich dabei um die erschreckend reduzierte Fähigkeit zu emotionalem Empfinden, deren Symptome sie am Verhalten von Militärs ausmachten. Juliane Stiegele hat eine verfremdete Generalsuniform geschneidert, mit Handfegern als Epauletten und zu Orden umfunktionierten Buttons und Kronenkorken, in der ein schlotterndes Männchen steckt. Sein Kopf ist nicht größer als die Ärmeltressen, seine Augen blicken ängstlich – dieses Objekt mit dem Titel „Angst“ wirkt äußerst beunruhigend, da es, als Psychogramm, der Wahrheit vermutlich recht nahe kommt. (Galerie der Künstler bis zum 15. Mai, Katalog 15,– Mark)

Helmut Schneider

Wiesbaden: „10 Zeichner – 10 Aspekte“

Mitte der siebziger Jahre, zwischen Minimal- und Optical-art, konnte der Kunstmarkt bei der Zeichnung noch mal eine kurzfristige Hausse vermelden. Danach war Farbe gefragt – und das bis heute – verpackt in der altväterlichen Tradition alter und neuer Wilder oder mehr dem Dekorationsmuster eines Matisse verpflichtet. Ganz im Gegensatz dazu konnte man bei der Zeichnung ein Festhalten am weitgefächerten Stilpluralismus feststellen, und der Trend zu einem kulinarischen Verismus ist sogar wieder im Zunehmen begriffen, wenn man die Kunstmärkte richtig beobachtet. Die aus eigenen finanziellen Mitteln rekrutierte Wiesbadener Ausstellung kann nur einen kleinen Ausschnitt, eine subjektive Auswahl aus einem großen Reservoir an künstlerischen, personellen und stilistischen Angeboten sein. Viele der annoncierten „10 Aspekte “ haben ähnliche Schnittmuster, durchdringen sich, die Betonung wurde auf den Dialog der Arbeiten untereinander gelegt, wobei man eine bewußte Konfrontation nicht ausschloß. Dabei kam es vereinzelt auch zu Mißverständnissen. So läßt man die im Erzählstil gehaltene Voth-Serie „Rot-Weiß“ um Ecken und Türen laufen, um dann mit dem Schlußbild wieder im Eingangsraum zu enden, was vielleicht Quiz-Charakter hat, aber wenig Sinn ergibt, wenn der Bezug auf das Folgende nicht unterbunden werden soll. In Wiesbaden noch mit von der Partie; Lienhard von Monkiewitsch, die Österreicher Frohner und Kocherscheid, der Amerikaner Shane Weare. Die Frage nach jungen Tendenzen bleibt in Wiesbaden offen, nach Wildem zum Beispiel, das sich in Graphit, in Tusche auslebt. Dennoch ist der Ausschnitt, den die Schau vermittelt, beachtlich und sollte Ansporn sein für weitere Eigeninitiativen. (Nassauischer Kunstverein bis 1. Mai)

Christian von Kageneck

Wichtige Ausstellungen