Von Ronald Reagan sind wir gewohnt, daß er die Moral beschwört, wenn es um handfeste Rüstung geht. Jurij Andropow hat es ihm jetzt gleichgetan. Die Gegenmaßnahmen, die die längst vorgerüstete Sowjetunion gegen die Aufstellung neuer Raketen in Westeuropa ergreifen würde, seien auch „von einem hochmoralischen Standpunkt aus“ gerechtfertigt, diktierte er dem Spiegel-Herausgeber Augstein ins Mikrophon.

Wo Macht mit Moral verknüpft wird, ist Mißtrauen am Platze. Denn was moralisch – gar „hochmoralisch“ – ist, das ist eben nicht verhandelbar. Mit heiligen Werten läßt sich nicht spaßen. Bei soviel Moralin wirkt die jüngste Denkschrift der katholischen Bischöfe zur Friedenspolitik erst recht erfrischend: Auch unter Christen, so heißt es da, seien zu so ernsten Fragen verschiedene Antworten möglich.

Die moralische Autorität der Kirche bleibt mit anderen Meinungen vereinbar. Die politische Autorität dagegen beruft sich auf Moral, um die Starrheit ihrer Positionen zu rechtfertigen. Aber das ist keine moralische Politik, es ist eine Absage an die Politik. cb