Im letzten Sommer, an einem Junisonntag, begegnete ich diesem emsigen, kleinen Herrn zum erstenmal: im Schloß d’Ecouen (20 Kilometer nördlich von Paris) bei einem Konzert „Musik aus der Renaissance“. – Es war ein Genuß! Wir besichtigten die Schätze des Schloßmuseums aus dem 16. Jahrhundert und hörten dazwischen Werke von Josquin des Près, Ockeghem. Am darauffolgenden Sonntag saß ich ein Konzert lang schon wieder neben dem Monsieur, diesmal auf einer alten, verkritzelten Schulbank im „Maison d’Education de la Legion d’Honneur“, jener berühmten, von Napoleon gegründeten Schule im Pariser Vorort Saint-Denis, wo noch immer junge Mädchen aus „guten französischen Familien“ erzogen werden. Wir paar hundert Musikfreunde fanden die Melodien von Rameau und die „Gesänge in der Tradition des Barocks“ so heiter und zauberhaft, daß wir am Ende eigentlich gar keine Lust hatten, uns von der nahen Metro ganz banal in unseren Alltag zurückfahren zu lassen.

Es war Jean Robin, Generaldirektor des „Festival de l’Ile de France“. Und so begegnete ich Monsieur und seinen Freunden im letzten Sommer noch oft bei Konzerten in Schlössern, historischen Gebäuden, Dörfern und Kirchen im Umkreis von höchstens siebzig Kilometern von Paris, Orten, die sich oft nur einmal im Jahr und dann nur für die Dauer eines Konzerts den Fremden öffnen. Monsieur Robin kennt viele dieser Kostbarkeiten der Ile de France, die versteckt unter alten Bäumen vor sich hin träumen und hat im Laufe von acht Jahren so manchen Hausherrn oder Bürgermeister überredet, die alten Eisengittertore einen Sommernachmittag lang für Musik und Publikum aufzuschließen.

Berühmte und weniger berühmte Kammerorchester geben in jedem Jahr im Rahmen des „Festival de l’Ile de France“ von Anfang Mai bis Mitte Juli 35 Konzerte. Die Musik wird immer passend zum Aufführungsort ausgesucht.

Ich war so fasziniert von dieser Art, das Land um Paris kennenzulernen, daß ich Monsieur Robin bat, mich auf einer seiner Vorbereitungstouren mitzunehmen. Er hat noch immer unerschlossene Schätze zu erobern.

In Savigny-le-Temple werden wir nicht im alten Dorf, sondern in der neuen Betonstadt erwartet, im Kaninchenstall-Viertel, wie man hier so schön sagt. Es nieselt, und wir hüpfen über große Pfützen. Der stellvertretende Bürgermeister bespricht mit Monsieur Robin die Bedingungen. Wer welche Kosten trägt, die Plakate ankleben, die Stühle aufstellen wird. „Wissen Sie“, sagt der stellvertretende Bürgermeister zum Schloß, „die neue junge Betonstadt möchte die Freundschaft des alten, abweisenden Dorfes mit Musik gewinnen.“ Jeder ist eingeladen, dies am 2. Juli in einer alten Scheune auf den Feldern zwischen beiden Orten mitzuerleben.

Endlich kommt die Sonne hinter den Wolkenschwaden hervor. Wir sind auf dem Weg nach Schloß Courances, westlich vom Forst Fontainebleau. „Der Marquis de Ganay empfängt uns seit acht Jahren“, sagt Monsieur Robin, „Courances ist eines der schönsten Schlösser in der Umgebung von Paris. Über 400 Jahre alt und den meisten unbekannt.“ Am Ende des hübschen Dorfes, gleich hinter der stämmigen Kirche, liegt Courances im weichen Licht der Frühlingssonne. Umgeben von Kanälen und großzügigen altfranzösischen Gärten wirkt es wie ein Märchenschloß. Wir lassen das Auto am Parkgitter stehen, gehen die noch kahle, zweihundert Jahre alte Platanenallee entlang. Von der hufeisenförmigen Steintreppe winkt uns der zu.

Vier Generationen bewohnen das Schloß. Großmutter, Eltern, Kinder und Enkel. Im intimsten Raum, im Salon, sitzen wir in bequemen Ohrensesseln. Große, blaue Hyazinthensträuße duften verschwenderisch. Die Herren sprechen über Fische, Jagd, die Kosten eines privaten Schlosses in heutiger Zeit und natürlich: über Musik. Über die Stücke von Telemann, Händel, SaintSaens, Mozart, Bach, die wir am Sonntag, dem 10. Juli, hier hören dürfen.

Renée Falcke Auskunft, Programm und Reservierung: Festival de l’Ile de France, 15 Avenue Montaigne, F-75008 Paris, Tel. (00331) 7 23 79 16. Die Konzert-Orte kann man auch mit Zug, Vorortbahn oder Bus erreichen.