Das Geheimnis der Hitler-Tagebücher: Geniale Fälschung, journalistische Glanzleistung?

Von Karl-Heinz Janßen

Es sollte „der größte Scoop seit der Nachkriegszeit“ werden, doch die Kronzeugen machen sich schon rar: Sind die Dokumente echt? Oder geht es dem „stern“ um ganz anderes?

Komisch“, sagte der schon etwas ältere Hamburger Taxifahrer, als er seinem Fahrgast die Quittung datierte, „komisch, daß heute nicht geflaggt wird.“ Es war der 20. April 1983. Adolf Hitlers 94. Geburstag. Wer konnte ahnen, daß zur selben Stunde im Gruner + Jahr-Verlagshaus an der Außenalster schon ganz andere Fahnen ausgelegt waren, an denen jener „Führer“, der auch fünfzig Jahre nach seiner Machtübernahme die Deutschen nicht losläßt, seine helle Freude gehabt hätte. Soll er doch von nun an im stern-Magazin anderthalb Jahre lang durch das Medium eines angeblich erst jetzt entdeckten Tagebuches zu Millionen Deutschen sprechen. Er wird mehr Leser haben, als er sich zu Lebzeiten für seinen ungenießbaren „Mein Kampf“ nur wünschen konnte.

Zwei Tage nach Hitlers Geburtstag, kurz vor Mittag, kündigte der stern per Fernschreiben der deutschen Presse an, das Magazin sei im Besitz von 60 Hitler-Tagebüchern aus der Zeit vom 22. Juni 1932 bis Mitte April 1945. Wegen dieses Fundes werde die neue Ausgabe ausnahmsweise schon am Montag erscheinen – es fügte sich so, daß dies die zweite Ausgabe war, die 3,50 statt bisher 3,00 Mark kostete. Wie Posaunen sollte wohl den Zeithistorikern in den Ohren klingen, was der stern hochgemut so formulierte: „Nach der Auswertung der Tagebücher muß die Biographie des Diktators und mit ihr die Geschichte des NS-Staates in großen Teilen neu geschrieben werden“ – ein Satz, den-der Kölner Professor Andreas Hillgruber als „Anmaßung ohnegleichen“ rügte.

„Ich kann es mir einfach nicht vorstellen“ – so – lautete landauf, landab die Reaktion nicht nur der deutschen Zeithistoriker, sondern auch der einstigen Adjudanten, Ordonnanzen und Sekretärinnen aus der Umgebung Hitlers. Niemals hatte es in der Literatur, in ungezählten Memoiren und in den über die Kontinente verstreuten Archiven auch je nur den geringsten Hinweis auf „Tagebücher“ Hitlers gegeben. Vielmehr war oftmals seine Abneigung bezeugt, Schriftliches anzufertigen oder gar zu hinterlassen; seine Reden diktierte er lieber, als daß er sie von Hand schrieb. Mit Beginn der dreißiger Jahre hat überhaupt seine Neigung, selber zur Feder zu greifen, mehr und mehr nachgelassen. Auch Großadmiral a. D. Dönitz und Rüstungsminister a. D. Speer haben die Existenz solcher Tagebücher noch kurz vor ihrem Tod bestritten.

Doch der stern mutet allen zu, total umzudenken. Hitler, so sollen wir unbesehen glauben, hat seit seinem unerhörten Wahlsieg 1932 im stillen Kämmerlein Tagebuch geführt. Selbst noch gegen Ende des Krieges, als er infolge der Parkinsonschen Krankheit und dann auch noch des Attentats vom 20. Juli 1944 von Gliederzittern und Schwindelanfällen heimgesucht wurde, soll er nächtens mit schwarzer Tinte in seinen Kladden mit der Pedanterie eines k.u.k. Beamten Bilanz gezogen haben, und das, wenn er sich, wie üblich, um drei oder halb vier in der Frühe ins Schlafgemach zurückgezogen hatte.