Die Stande der 35-Stunden-Woche könnte in Österreich bald schlagen. Die Steyr-Daimler-Puch AG, Produzent von Fahrzeugen aller Art, verhandelt derzeit mit der Belegschaft, um die Wochenarbeitszeit vorerst für ein Jahr auf 35 Stunden zu verkürzen.

Die Alternative ließ der Metallarbeiter-Gewerkschaft Österreichs kaum eine Wahl: 600 bis 800 Entlassungen standen bei Steyr-Daimler-Puch an, um die Absatzprobleme mit Lastwagen und Traktoren, mit Panzern, Mopeds und Fahrrädern zu lindern. So gaben die Gewerkschafter grünes Licht für die Arbeitszeitverkürzung. Betroffen sind zunächst rund 6000 der insgesamt 16 000 Steyr-Beschäftigten. Und sie werdeneinen beachtlichen Lohnausfall hinnehmen müssen.

Die Absatzschwierigkeiten der Steyr-Daimler-Puch, mehrheitlich im Besitz der Creditanstalt-Bankverein, der größten Bank Österreichs und lange Zeit Paradeunternehmen der österreichischen Industrie, hatten sich schon seit längerem angekündigt: In der letzten veröffentlichten Bilanz für das Jahr 1981 waren Fertigwaren von fast 600 Millionen Mark ausgewiesen. Rund ein Viertel des gesamten Jahresumsatzes lag unverkauft auf Lager.

Schwierigkeiten hatte die Steyr-Daimler-Puch AG in den vergangenen Jahren denn auch an allen Fronten: Erst gab es große Rückschläge bei Fahrrädern und Mopeds. Dann lief der Verkauf des gemeinsam mit Mercedes produzierten Geländewagens nicht so gut wie erhofft. Und schließlich gab es politisch verursachte Schwierigkeiten beim Verkauf der Militärfahrzeuge. So konnte die Steyr-Daimler-Puch AG nach Ausbruch des Falkland-Krieges wegen der österreichischen Neutralität nicht weiter Panzer und Ersatzteile an Argentinien liefern. Aber den Ausschlag gaben die Absatzrückgänge bei Lastwagen und Traktoren.

So mußte Steyr von der gesetzlich eingeräumten Möglichkeit der Kurzarbeit Gebrauch machen: Für höchstens zweimal drei Monate pro Jahr kann in Österreich mit Billigung des Sozialministeriums Kurzarbeit verhängt werden, für den Einkommensausfall gibt es für die Beschäftigten Zuschüsse vom Staat. Doch jetzt hat das Unternehmen diese Möglichkeit ausgeschöpft, die Kurzarbeit kann nicht mehr über den April hinaus fortgesetzt werden. Bleiben nur Kündigungen oder eine ganz neue Lösung: Die Steyr-Daimler-Puch wurde zum Vorreiter für die 35-Stunden-Woche.

Österreichs Gewerkschafter hatten den Weg einer möglichen Arbeitszeitverkürzung schon vor Monaten vorgezeichnet. Der Geschäftsführer der Metallarbeitergewerkschaft, Sepp Wille, hatte den Vorschlag gemacht, die Arbeitszeit in einzelnen Krisensparten und Krisenbetrieben der Metallindustrie von jetzt 40 auf 35 Stunden zu verkürzen. Das Sensationelle dabei: Belegschaft und Unternehmen sollten die Belastung für den Produktionsausfall teilen. Zur Hälfte sollten die Beschäftigten auf den Lohn für die fehlenden fünf Stunden verzichten, die andere Hälfte sollte das Unternehmen zahlen. Bis dahin hatten Österreichs Gewerkschafter stets nur eine Arbeitszeitverkürzung mit „vollem .Lohnausgleich“ gefordert.

Das Modell des Gewerkschafters Wille ist jetzt das Vorbild für Steyr. Zugleich soll eine Reihe freiwilliger Sozialleistungen gekappt werden: Die Unternehmensleitung würde gerne ein Ferienheim schließen sowie Zuschüsse zu Kuraufenthalten, Theaterbesuchen und Weihnachtsfeiern reduzieren.