Von Martin Menges

„O glorreicher Sankt Domenicus, befreie und bewahre mich mit Deinem Heiligen Zahn vor den Giften der Vipern und Schlangen, vor Verletzungen durch tollwütige Hunde und vor schmerzhaften Bißwunden.“

Etwa 150 Kilometer östlich von Rom liegt Cocullo inmitten der Berge. Mit seinen abgelegenen Tälern, schlecht zugänglichen Pässen, karstigen Höhenzügen und zurückgezogenen Siedlungen verkörpert dieser Landstrich noch heute das andere, das unwirtliche und abweisende Italien. Statt der Wärme und Üppigkeit des Südens findet man hier nur Kargheit der Felsen. Bis weit in das Frühjahr hinein liegt Schnee auf den Höhen.

Cocullo ist unscheinbar und so grau-braun wie der Fels, der es umgibt – ein typisches Städtchen der Region. Hier hat man jahrhundertelang dem spröden Boden den notwendigen Lebensunterhalt abzutrotzen versucht, hat zumeist Viehzucht, dazu auf Maultieren ein wenig Handel getrieben, hat der Kälte widerstehen müssen und gelernt, das Vieh gegen Wölfe, streunende Hunde, Wildkatzen und vor allem Schlangen zu verteidigen. Die Bedrohung durch wilde Tiere muß existenziell, die Angst vor ihnen grenzenlos gewesen sein.

Davon zeugen bis heute Geschichten, die seit Generationen weitergegeben werden, und ein religiöses Fest: die Schlangenprozession von Cocullo, die alljährlich am ersten Donnerstag des Monats Mai in dem kleinen Ort begangen wird. Noch gibt es die Tiere, von denen die Geschichten erzählen, und ebenso gibt es wohl noch ein wenig von jener atavistischen Schlangenangst, welche den unheimlichen Berichten zugrunde liegt. Da ist von Vipern die Rede, die Menschen und Vieh regelrecht überfallen, Von Schlangen, welche nachts Müttern die Milch absaugen oder sogar in deren Bäuche kriechen.

Diese Geschichten sind vermutlich so alt wie das Kultfest selbst, und jenes ist älter als das Christentum. Schon aus römischer Zeit wird von einer jährlichen Schlangenprozession in Cocullo zu Ehren der Göttin Angitia berichtet, und auch späterhin, nach der Christianisierung des Landes, blieb dieser Ritus lebendig – bis um die erste Jahrtausendwende der heilige Domenicus Abate (951-1031) nach Cocullo kam, die lokale Göttin dank seiner Wundertätigkeit ausstach und nun seit 900 Jahren Schutzpatron, Schirmherr und Hauptperson des seitdem urkatholischen Festes ist. Domenicus nämlich, so wird berichtet, hatte sich als der wahre Helfer bei giftigen Vipernbissen erwiesen. Als er Cocullo verließ, um anderswo zu wirken, ließ er als wundertätige Reliquien ein Hufeisen seines Maultieres und einen seiner Zähne zurück. Zahn und Hufeisen werden bis heute in der Kirche Cocullos aufbewahrt.

Anfang Mai sind die Bergspitzen rund um Cocullo noch schneebedeckt. Nur unten im Tal hat der Frühling begonnen. Cocullo aber wirkt wie ein sterbender Ort. Überall verlassene, zum Teil halbverfallene Häuser. Die etwa 600 Einwohner, die es heute hier noch gibt, dürften kaum die Hälfte der ursprünglichen Bewohnerschaft darstellen. Die meisten sind emigriert, ausgewandert dorthin, wo es Arbeit und Verdienst, Autos und Kinos, Waschmaschinen und Schaufensterpassagen gibt. Einige kommen Anfang Mai alljährlich zu Besuch. Man sieht Busse mit deutschem Nummernschild, aber die Insassen haben die kantigen, dunklen Gesichter und das schwarze Haar des Mittelitalieners.