Steht eigentlich etwas auf den Briefen, die Schauspieler auf der Bühne laut lesen? Und was macht der Schauspieler, der sich an einen Tisch setzen und, weil es der Autor so will, einen Brief schreiben muß? Schreibt er wirklich? Buchstaben oder Gekritzel? Auch wenn Bernhard Minetti in Klaus Michael Grübers Inszenierung von Goethes „Faust“ am Schreibpult steht, um die Bibel in sein „geliebtes Deutsch“ zu übertragen, mochte man sich solche Fragen stellen. Nun kann man auf dreißig Bütten-Seiten nachprüfen, was der große Schauspieler an dreißig Abenden aufs Papier geschrieben hat: Auf allen Blättern sind, in Großbuchstaben, die beiden Hauptwörter zu entziffern, mit denen Goethes Faust auch versucht, das griechische „logos“ zu übersetzen, und die für den Faust Minetti die wichtigsten sind: „Im Anfang war der SINN... Im Anfang war die TAT.“ Die handschriftlichen Blätter sind Teil eines ungewöhnlichen, schönen Bild-Bandes: „Bernhard Minetti – Faust – Notate – Bilder – Texte“, herausgegeben von Gerhard Ahrens in Zusammenarbeit mit Bernhard Minetti; mit Beiträgen von Henriette Beese, Jacques Derrida, Werner Hamacher, Peter Krumme, Thiesz Lehmann, Elisabeth Lenk, Eva Pfaffenberger, Marken Stoessel (Medusa Verlag, Berlin, 1983; 120 S., 22 mal 30 cm, 60,– DM). Der Band dient auch als Katalog einer Ausstellung, die zur Zeit in der Kestner-Gesellschaft, Hannover, zu sehen ist und anschließend nach Berlin (Schaubühne), Bochum, Hamburg und München wandert. Neben Texten von Minetti, teils zur Inszenierung, teils aus der Schublade, enthält die Ausgabe eine Photodokumentation über den Schauspieler Minetti, die von den Anfängen bei Fehling bis zur Gegenwart reicht. Ahrens schreibt zu Minettis Skriptogrammen, in ihnen trete „das Naturell des Schauspielers hervor. Er stand in dieser Szene vor der Aufgabe, die Zeit des Redens mit der Zeit des Schreibens in einem Duktus zu binden, in dem die Sprache ganz vom Körper, ausgeschrieben, Schrift wird“. Und Minetti endet seine Reflexion über „Schriftzüge“ mit der Bemerkung, „beschmuddelt“ seien manche Blätter, „weil sie auf den Bühnenboden fielen, wenn Faust rabiat im Aufbruch sein Pult zum Stürzen bringt.“ So entwirft der Band zugleich ein eigenwilliges Porträt des Schauspielers und eine Dokumentation des optischen Schauplatzes des Faust-Theaters, wie es der Regisseur Grüber erträumt hat. R. M.