Unsere Zusammenkunft wäre schon durch die Tatsache erklärt und gerechtfertigt, daß seit unserem Treffen am Alexanderplatz vor sechzehn Monaten unsere Sorgen nicht geringer, sondern größer geworden sind. Manche Leute werden uns einmal mehr nicht ohne Ironie die Frage stellen, was wir uns eigentlich da vornehmen, was bei einer solchen Begegnung herauskommen soll. Wir nehmen uns nicht viel vor. Wir sind nur wenige, und wir haben keine materielle Macht. Aber wir leben unter anderen Menschen, die andere Berufe, jedoch die gleichen Sorgen haben, denen wir Mut machen wollen, das nicht hinzunehmen, was uns allen zugedacht ist, die Vernichtung. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß Feiglinge und Opportunisten von jeher Menschen, die dem Krieg den Krieg erklärten, lächerlich zu machen suchten. Kurz, es ist schon so: wir begehren laut, nicht schuld daran zu sein. Das ist unser Motiv.

Die an der Berliner Begegnung vom Dezember 1981 teilnahmen, werden sich erinnern, daß ich damals gesagt hatte, wir dürften einander die Friedensfähigkeit nicht absprechen. Dies ist auch von Seiten der Teilnehmer nicht erfolgt. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, daß in den sechzehn vergangenen Monaten einige Leute, Schriftsteller, anderen Schriftstellern, die in der DDR leben, eben diese Friedensfähigkeit abgesprochen haben, und zwar nicht einmal, und nicht im Vorübergehen, sondern im Laufe einer lautstarken Kampagne, die schon mehrere Monate andauert. In diesem Zusammenhang wollen wir uns daran erinnern, daß die Berliner Begegnung vom Dezember 1981 nicht vom Himmel fiel, sondern daß sie zustande kam auf Grund einer großen kirchlichen und nichtkirchlichen Bewegung in der Bundesrepublik, vor allem aber auf Grund des Appells der Schriftsteller, der bis heute von mehreren tausend Schriftstellern aller Kontinente unterschrieben wurde.

Die Gunst der Stunde nenne ich das noch längst nicht freundschaftliche, aber doch merklich verbesserte Verhältnis der beiden deutschen Staaten, das für den Frieden so wichtig ist und das manchen Menschen mit großen Anstrengungen im Laufe der letzten Jahre zuwege gebracht hatten. Ich bin mir darüber im klaren, daß ich diese Worte in einem Augenblick sage, wo diese Verbesserung sich in ihr Gegenteil umkehren kann.

Es ist eine alte Erfahrung, daß mühsam und langsam errungener Fortschritt sehr schnell zerstört werden kann, daß man ein kaum begonnenes Gespräch als „ideologisches Gesäusel“ abzutun vermag. Ich entsinne mich mit Widerwillen der Jahre und Jahrzehnte eines gegen Schriftsteller gerichteten Boykotts, des Totschweigens, wahre Haß- und Lügenorgien. Dies alles ist nachprüfbar, es gibt dazu Dokumentationen, die beweisen, daß an diesen Kampagnen Schriftsteller beteiligt waren und daß andere diese Zeit schweigend überstanden. Wenn eine solche Zeit überwunden wird, wenn erste Kontakte stattfinden, wenn Leute verschiedener Gesinnung miteinander reden und auf die Argumente des anderen hören, wenn man Vertrauen zueinander faßt, so dient das allen. Wenn darauf sofort andere sich daranmachen, das eben Erreichte zu zerstören, den alten üblen Zustand des Glaubenskriegs wiederherzustellen, sollte man das nicht hinnehmen.

Vor sechzehn Monaten sagte ich – manche werden sich daran erinnern –, daß wir nicht versuchen, uns an die Stelle der Politiker zu drängen, die ihre wichtigen Aufgaben haben. Aber, möchte ich jetzt hinzufügen, Schriftsteller, die sich mit Politik, nämlich mit den Fragen der Abrüstung und der Friedenssicherung, beschäftigen, haben die Pflicht, sich politisch zu verhalten. Dazu gehört, daß man persönliche Betroffenheiten und Verletzungen, die ich nicht nur bei anderen respektiere, sondern auch selber erfahren habe, zu trennen weiß von wichtigen Vorhaben, bei denen es um Leben und Tod der Menschheit geht. Das Problem des Friedens ist von jeher damit verbunden, daß er zwischen potentiellen oder tatsächlichen Gegnern geschlossen werden muß.

Ich suche mir meine Gesprächspartner, obwohl ich viele von ihnen gern habe, nicht unter dem Gesichtspunkt gegenseitiger Sympathie aus. Worauf ich baue, sind Vernunft und Fairneß.

Ich habe einige Reden gelesen, die kürzlich auf dem Kongreß des bundesdeutschen Schriftstellerverbandes gehalten wurden. Es ist mir gleichgültig, ob oder daß Jürgen Fuchs mich zur „neuen Rechten“ zählt. Aber er hat unrecht, wenn er glaubt, die Kritik des realen Sozialismus habe etwas mit Friedensbewegung zu tun. Und ich denke an Erich Kästners Wort „Kopf gut schütteln vor Gebrauch“, wenn ich lese, der „wirkliche“ Frieden sei einer „ohne Waffen, ohne Gefängnisse, ohne Lager“, denn dann gibt es keinen, auf keinem Punkt der Erde, nirgendwo, und man kann das, was ist oder noch ist, auch nicht verteidigen. Doch lebe ich seit achtunddreißig Jahren in einem Europa ohne Krieg und habe lebhafte Erinnerungen an die Zeit davor. Und es wird gefährlich, wenn ich bei einem von Fuchsens Gesinnungsfreunden eine Diatribe finde gegen den „Entspannungsfetischismus, der schon längst ein stinkender Leichnam ist“. Man soll sich nicht täuschen darüber, daß sich seit einiger Zeit etwas etabliert hat gegen die Friedensbewegung, natürlich ebenfalls im Namen des Friedens, denn wir wissen seit undenklichen Zeiten, daß niemand je an Krieg gedacht hat, und ein bekannter Sänger, den Fuchs gewiß nicht zur „neuen Rechten“ zählen würde, schrieb vor kurzem wörtlich, die Friedensbewegung sei „Moskau- und DDR-gesteuert“, was nach ganz alter Rechter klingt und prompt den Beifall des bayrischen Ministerpräsidenten bekam.