Von Albin Eser

Zeichnung: Brad Holland/Push Pin Press

Forschung ist gefährlich geworden: sowohl für den Forscher selbst wie auch für sein Objekt. Nicht als ob es sich dabei um ein völlig neuartiges Phänomen handeln würde, wenn etwa ein Giordano Bruno im Jahre 1600 für sein neues naturphilosophisches Weltsystem den Scheiterhaufen besteigen mußte, so geschah das nicht zuletzt deshalb, weil seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vom damaligen Zeitgeist zugleich als Bedrohung des politischen Systems empfunden wurden.

Es dürfte nicht schwerfallen, von jenem spektakulären Einzelfall eine mit eindrucksvollen Beispielen belegbare Linie „gefährlicher Forschung“ bis in unsere Zeit zu ziehen. Allenfalls daß sich dabei die Konfliktfelder verändert haben: Während in der Vergangenheit eher der spekulative Forscher geisteswissenschaftlicher Provenienz Gefahr lief, mit Recht und Moral seiner Zeit in Kollision zu geraten, ist es heute vor allem der empirische Natur- und Sozialwissenschaftler, dessen Forschungstätigkeit einerseits bedroht, andererseits aber selbst bedrohlich sein kann. Demzufolge kann der Forscher – in strafrechtlichen Termini ausgedrückt – sowohl zum „Täter“ wie auch zum „Opfer“ werden: zum „Täter“, soweit er durch seine Forschung die Interessen anderer beeinträchtigt; zum „Opfer“, soweit er seinerseits in seinem Forschen durch andere Menschen oder Institutionen beeinträchtigt oder – ganz generell betrachtet – durch Gesetze, Richtlinien oder sonstige Beschränkungen in seiner Tätigkeit behindert wird.

In dieser Hinsicht fällt in erster Linie das biomedizinische Humanexperiment ins Auge. In diesem Bereich der Forschung mit und am Menschen kann vor allem der Mediziner zum Rechtsverletzer werden, wenn er beispielsweise bei Arzneimittelerprobung einen Probanden einem unverhältnismäßigen Lebens- oder Gesundheitsrisiko aussetzt; oder wenn er einen Patienten über seine Einbeziehung in ein noch unerprobtes Therapieverfahren nur unzureichend aufklärt und dadurch sein Selbstbestimmungsrecht mißachtet. Daß solches Vorgehen nicht nur in den durch den Nürnberger Ärzteprozeß aufgedeckten Menschenversuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern vorkam, sondern ohne Rücksicht auf die politischen Verhältnisse offenbar für jeden engagierten Forscher zur latenten Versuchung werden kann, zeigen beispielhaft jene gerichtsnotorisch gewordenen Fälle aus den USA und Kanada: So etwa das Verfahren gegen ein Chronic Disease Hospital in New York, wo einer Gruppe von schwerkranken Patienten, die sich zu einer scheinbar vorteilhaften Testung ihrer Immunreaktion bereit erklärt hatten, in Wirklichkeit virulente Krebszellen injiziert wurden.