Der Weg ins Theater führt an den Gräbern entlang. Dereinst soll es neben dem Krematorium auf dem Friedhof stehen, der dann wieder das Zentrum der Stadt sein wird. „In dem wirklich schützenden Schatten des Ortes, an dem die Toten bewacht werden, oder in unmittelbarer Nähe des Monumentes .. ., das sie verdaut“, soll das Theater einzig noch „den Mythos zutage fördern“.

So hat sich Jean Genet in seinem Aufsatz „Das befremdliche Wort...“ vor fünfzehn Jahren die Zukunft des Theaters gewünscht. Mit Heiner Müllers neuem Text erfüllt sie sich. Er heißt „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“. Der Titel zählt ohne Punkt und Komma die Überschriften der drei Szenen auf, aus denen das zehn Seiten kurze Stück besteht.

Der erste Teil, kaum mehr als dreißig Zeilen lang, beschreibt eine ökologische Katastrophe am Straussee in der Nähe Berlins, auf dem Gebiet der DDR: „See bei Strausberg Verkommenes Ufer... Fischleichen/Glänzen im Schlamm Keksschachteln Kothaufen FROMMS ACT CASINO/Die zerrissenen Monatsbinden Das Blut/Der Weiber von Kolchis“. Kolchis, am Schwarzen Meer gelegen, war die Heimat Medeas, Schauplatz der Argonauten-Sage. In Müllers Textmontage liegt Strausberg plötzlich, wo der Phasis floß, mitten in Kolchis. Hinter den Satzfetzen einer Eifersuchtsszene – SCHLAMMFOTZE SAG ICH DAS IST MEIN MANN den Schattenseiten proletarischen Alltags und einer in den Text montierten Erinnerung an ein KZ – EINIGE HINGEN AN LICHTMASTEN ZUNGE HERAUS/VOR DEM BAUCH DAS SCHILD ICH BIN EIN FEIGLING – dämmert allmählich der Mythos herauf. Müller, am Ende der ersten Szene: „Auf dem Grund aber Medea den Zerstückten/Bruder im Arm...“

Im zweiten Teil, dem „Medeamaterial“, versucht Müller sich an den Mythos zu erinnern. Es ist die Geschichte von Jason, dem Argonauten, der auszog, das Goldene Vlies zu holen und von Medea, der Zauberin, die Jason liebte und ihren Bruder, ihre Kinder, König Peleas und Jasons Geliebte tötete. Müller erinnert sich in der alten Form des Dramas: anders als die Textmontage ohne Rollenbezeichnung im ersten Teil besteht das „Medeamaterial“ aus Dialogen und einem Monolog. Allerdings erkennt sich Medea – ähnlich dem Hamlet in Müllers „Hamletmaschine“ – als Medea-Darstellerin: „Bring einen Spiegel Das ist nicht Medea“. Am Ende vergißt sie ihren Mythos, ist ein aufgeklärtes Individuum, sagt also: „Ich“ und erkennt Jason nicht mehr. Die Rolle, die ihr Müller im ersten Teil zugedacht hat, kann sie nicht mehr spielen. Als Grund unserer Tragödie fehlt uns Medea.

Dafür haben wir Heiner Müller, den Argonauten von heute. Wie jene Helden des Altertums findet auch er keine Küste. Medea sagt: „Ganz abgebrochen hinter mir hab ich/Was Heimat hieß...“ Und: „Mit diesen meinen Händen .../Will ich die Menschheit in zwei Stücke brechen/Und wohnen in der leeren Mitte“. Wie sie wohnt Müller.

In der Landschaft der heimatlosen Argonauten spielt der dritte Teil des Stücks. Während der Text „La Paloma“ zitiert („Seemannsbraut ist die See“), die Psychoanalyse der Seefahrt vorantreibt („Der Anker ist die letzte Nabelschnur“) und pathetische Seitenhiebe gegen die Medien austeilt („Der Bildschirm speit Welt in die Stube“), erlischt die Erinnerung an (Medeas) Geschichte: „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DON’T“. Medea hilft nicht mehr: Seemannsbraut ist die See, und jeder stirbt für sich allein. „Der Rest ist Lyrik“, schreibt Müller.

Die Tragödie wird gelebt oder ist bloßes Theater. „Busfahrt im Morgengrauen .. ./Während der Fahrt hörten wir die Leinwand reißen/Und sahn die Bilder ineinander stürzen/Die Wälder brannten in EASTMAN COLOR/Aber die Reise war ohne Ankunft NO PARKING/.../Unser Hafen war ein totes Kino.“ Auch die Kunst hat für den Argonauten keine Küsten mehr. „WAS BLEIBT ABER“ schreibt Müller, „STIFTEN DIE BOMBEN“. Und: „Zwischen Trümmern und Bauschutt wächst/DAS NEUE“. Über allen diesen letzten Schlachten liegt, von jeder seiner Götterdämmerungen bleibt: der Gesang der Metaphern. Vielleicht wäre es die Arbeit dieses Jahres, Heiner Müller als Wagnerianer zu beschreiben.